„Friedhof der Kuscheltiere“: Horrorkino, getragen von Angst

Kater Church kommt, nachdem ein Lastwagen ihn überfahren hat, leicht wesensverändert zurück – in der Neuverfilmung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“.
Kater Church kommt, nachdem ein Lastwagen ihn überfahren hat, leicht wesensverändert zurück – in der Neuverfilmung von Stephen Kings „Friedhof der Kuscheltiere“.(c) Paramount Pictures

Die Neuverfilmung von Kevin Kölsch und Dennis Widmyer wirkt pflichtbewusst und weit entfernt von Stephen Kings profunder Studie über Tod und Vergänglichkeit.

Auch Stephen King fürchtet sich ab und zu. Als er Ende der Siebzigerjahre eine Geschichte zu Papier brachte, die sich auf eindringliche, abgründige Weise mit der Vergänglichkeit allen Lebens und dem Wunsch nach einer Aushebelung ebendieser Naturgesetzlichkeit beschäftigte, ließ er das Manuskript in einer Schreibtischlade verschwinden. „Friedhof der Kuscheltiere“ erschien selbst ihm, der die menschlichen Angstwelten so unerschrocken durchmessen hat wie kaum ein anderer lebender Autor, als zu dunkel, hoffnungslos und radikal.

Als der Roman 1983 schließlich doch noch erschien, entwickelte er sich überraschend zu Kings kommerziell erfolgreichstem Werk. Die aktuelle Verfilmung ist bereits die zweite. Schon 1989 inszenierte Regisseurin Mary Lambert eine atmosphärisch wuchtige und insgesamt solide Adaption von „Pet Sematary“. Der Originaltitel mit dem falsch geschriebenen englischen Wort für Friedhof (Cemetary) ist jetzt auch in der Neufassung deutlicher Verweis auf die Wesentlichkeit von Kindern für die Geschichte.

Denn der Tierfriedhof im fiktiven Ludlow in Kings Heimat Maine wird seit vielen Generationen von jenen Buben und Mädchen betreut und instand gehalten, deren Haustiere der Schnellstraße – besser gesagt: den darauf unentwegt durch den Ort rasenden Lastwagen – zum Opfer gefallen sind. Auch das Haus der Creeds grenzt an die tödliche Asphaltzunge: Vater Louis (solide: Jason Clarke) ist mit Frau Rachel (Amy Seimetz) und den zwei Kindern Ellie (Jeté Laurence) und Gage (abwechselnd gespielt von den Zwillingen Hugo and Lucas Lavoie) vom lärmenden Boston aufs Land gezogen. Als Arzt an der örtlichen Universität hofft er nicht mehr so häufig mit alten, dahinsiechenden und irgendwann sterbenden Menschen konfrontiert zu sein. Aber Kings Geschichte fräst Todesschneisen durch das Idyll: Schon am ersten Arbeitstag stirbt ein junger Mann in Louis' Armen, der ihm fortan als Geist erscheint und ihn vor jenem Ort warnt, an den die Familie von ihrem gutmütigen verwitweten Nachbarn Jud (großartig: John Lithgow) geführt wird – den Titel gebenden Friedhof der Kuscheltiere.

 

Ureinwohnergrab hinter Totholz

Jenseits davon, hinter einer lebensgefährlichen Totholzbarriere, führt ein Pfad tiefer in den Wald, ins Land der amerikanischen Ureinwohner, zu einer mysteriösen Begräbnisstätte. Dort beerdigt Louis Familienkater Church, nachdem der von einem Lastwagen totgefahren wurde. Am nächsten Tag steht das Tier wieder vor dem Haus der Creeds, übelriechend, wesensverändert, aber lebendig. Und Louis stellt sich die verhängnisvolle Frage, was wohl passiert, wenn man dort oben, jenseits des Friedhofs der Kuscheltiere, einen Menschen beerdigt. Das junge Regieduo Kevin Kölsch und Dennis Widmyer debütierte 2014 mit dem souveränen Indie-Schocker „Starry Eyes“ und inszeniert bei seinem ersten großen Hollywood-Gig pflichtbewusst und ohne große Sperenzchen. Es entsteht der Eindruck einer Arbeit, die beschwert von Kings legendärem Ruf und dem 50-Millionen-Dollar-Budget nur minimalen Kreativspielraum hatte, der zusätzlich sinnfrei genutzt wurde, wie eine irritierende Veränderung des Ursprungsmaterials im dritten Akt eindrücklich beweist.

Die Neufassung von „Friedhof der Kuscheltiere“ ist taugliches Horrorkino zum Drüberstreuen, aber von Kings intelligenter Studie zu Tod und Vergänglichkeit weit entfernt. Ein Schlüsselsatz von Roman und Film darf als Sinnspruch für diese über weite Strecken nutzlose Adaption herhalten: „Sometimes dead is better.“ Manchmal ist es besser, tot zu sein – und zu bleiben.