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Bei Fachkräften läuft einiges falsch

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Um den Fachkräftemangel zu beheben, forciert die Wirtschaft den Zuzug aus dem Ausland. Für die Ausbildung von weiteren Fachkräften aus dem Inland fehlt in Österreich das Geld.

Wien. Fast jede Woche melden sich Ökonomen und Wirtschaftsexperten zu Wort und beklagen den Facharbeitermangel. Am gestrigen Montag sagten Vertreter der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer, dass in der Industrie 60.000 Fachkräfte gesucht werden. Daher konnten fehlende Stellen nicht nachbesetzt und Aufträge nicht angenommen werden. „Wir brauchen rasche Lösungen für das Thema Facharbeiter“, sagte Sigi Menz, Obmann der Bundessparte in der Wirtschaftskammer.

Im Vorjahr gab es in der österreichischen Industrie 453.140 Beschäftigte. Damit wurde wieder das Niveau von vor der Finanz- und Wirtschaftskrise erreicht (siehe Grafik). Wie die Industriellenvereinigung setzt auch die Wirtschaftskammer auf die qualifizierte Zuwanderung. Hier geht es weniger um Arbeitskräfte aus osteuropäischen EU-Ländern. Denn diese können sich schon jetzt in Österreich niederlassen, sondern es sollen verstärkt Fachkräfte von außerhalb der EU wie etwa Techniker und Programmierer aus Asien (wie Indien und China) angelockt werden. Dramatischer klingt die Prognose von Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien. Dieser meinte in der Vorwoche, dass der Fachkräftemangel ab 2022/23 chronisch werden könnte. Dann stehe nämlich eine Pensionierungswelle bei geburtenstarken Jahrgängen an. Dies könnte dazu führen, dass Zehntausende bis Hunderttausende Fachkräfte fehlen. Auch Kocher will das Problem mit Jobmigranten beheben: „Je früher nachgedacht wird, wie man für Fachkräfte auch aus Drittstaaten attraktiver wird, desto besser für den Standort.“

Auf Druck der Wirtschaft plant die Regierung eine Reform der sogenannten Rot-Weiß-Rot-Karte. Damit sollen mehr ausländische Facharbeiter nach Österreich kommen. Der Industrie fordert dennoch weitere Maßnahmen, um den Zuzug zu forcieren.

In der Diskussion um den Fachkräftemangel wird aber teilweise auf die Ausbildung im Inland vergessen. Denn es gibt viele junge Menschen in Österreich, die sich für einen technischen Beruf interessieren, aber keinen Ausbildungsplatz finden.

 

FH musste Bewerber ablehnen

Besonders dramatisch ist die Situation bei der Fachhochschule Technikum Wien, der einzigen rein technischen Fachhochschule Österreichs. Das Ausbildungsangebot umfasst zwölf Bachelor- und 18 Masterstudiengänge, die in Vollzeit, berufsbegleitend und/oder als Fernstudium angeboten werden. Um das Studium praxisnah zu gestalten, bestehen Kooperationen mit der Wirtschaft und der Industrie. Die Fachhochschule versteht nicht, dass in Österreich immer noch ohne sachliche Grundlage der Mythos gepflegt werde, dass sich junge Menschen nicht ausreichend für technische Ausbildungen interessieren würden. „Wir mussten im vergangenen Studienjahr mehr als 1000 eindeutig qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber für Bachelorstudiengänge ablehnen. Unsere Fachhochschule ist ausgebucht und platzt mit 4400 Studierenden aus allen Nähten“, sagte Gabriele Költringer, Geschäftsführerin der FH Technikum Wien, zur „Presse“.

Die Nachfrage, vor allem etwa nach Studiengängen wie Informatik, Wirtschaftsinformatik oder Biomedical Engineering, sei ungebrochen. Auch viele Frauen interessieren sich für einen Studienplatz. Allerdings mussten zuletzt beispielsweise im Studiengang Informatik zahlreiche qualifizierte Frauen abgewiesen werden, obwohl ihnen vorher von der Wirtschaft noch kommuniziert wurde, wie dringend sie als Programmiererinnen gebraucht würden.

Um zusätzliche Plätze anbieten zu können, braucht die Fachhochschule höhere Zuschüsse von der öffentlichen Hand. Der Bund finanziert derzeit am Technikum Wien 3416 Studienplätze jeweils mit 8850 Euro pro Studienjahr. Daneben hebt die Fachhochschule von jedem Studierenden 363,36 Euro Studiengebühr pro Semester ein. Költringer dazu: „Die Politik ist gefordert, einschlägige Studienplätze massiv und gezielt zu erhöhen, damit wir entsprechend der Nachfrage seitens der Interessenten und Wirtschaft wachsen können.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2019)