Unmut über Deutschland: Die Griechen machen bei aller Selbstkritik die deutsche Haltung für den Gang zum Internationalen Währungsfonds mitverantwortlich.
Athen. „Europa und Deutschland hätten eine wirkliche Führung verdient statt einer angstbesessenen Frau, die ihre historische Position verkennt und die nichts anderes interessiert, als sich am Kanzleramt festzuklammern.“ Dieser Kommentar ist auf der im Internet viel besuchten Nachrichtenseite „inews“ unter dem Titel „Schämen Sie sich, Frau Merkel“ zu lesen.
Er bringt zum Ausdruck, was derzeit überall in Griechenland diskutiert wird: War es die Angst vor einer Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen am 9.Mai, die Berlin dazu veranlasst hat, sich so zögerlich an Kreditvergaben an Griechenland zu beteiligen? Bei aller Selbstkritik an der eigenen Verantwortung für die marode Staatswirtschaft ist für die meisten Griechen kaum verständlich, wieso die Kreditvergabe in Deutschland zum Wahlkampfthema werden konnte. „Schließlich verdient der deutsche Staat daran um die drei Prozent Zinsen“ – Hinweise darauf, wie zum Beispiel vom grünen Europaparlamentarier Daniel Cohn Bendit, werden gerne in griechischen Medien zitiert.
Erst wenn Athen die Kredite nie mehr zurückzahlen könnte, würde der deutsche Steuerzahler belastet. Je zögerlicher aber die Kredithilfen kommen, desto höher klettern die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen auf den Märkten, und desto schwieriger wird es für Griechenland bleiben, sich aus eigener Kraft zu refinanzieren – mit den entsprechenden Risken für die gesamte Eurozone.
Deutsche Hybris
Die Abhängigkeit der EU von den Märkten, so die Athener Sonntagszeitung „Kyriakatiki Eleftherotypia“, mache die von den Nordeuropäern so gern als „griechische Tragödie“ bezeichnete Situation zu einer europäischen. Bleibe man in der antiken Begrifflichkeit, sei die „deutsche Hybris“ ein wesentlicher Bestandteil dieser Tragödie.
Die Zeitung „Eleftherotypia“ geht sogar einen Schritt weiter: Berlin sei mitverantwortlich, dass sich Griechenland an den Internationalen Währungsfonds wenden musste: Als am 25.März EU und IWF das Hilfspaket geschnürt und am 11.April konkretisiert hatten, versuchte Athen mit dem Bild vom „geladenen Revolver“ Optimismus zu verbreiten. Doch wieder kamen Einschränkungen aus Berlin, Angela Merkel verwies darauf, dass der Mechanismus erst parlamentarisch abgesegnet werden müsse. Die „Spreads“ der griechischen Anleihen kletterten weiter mit dem Ergebnis, dass nun der Währungsfonds Einzug in die Eurozone hält – ihn am Hilfsmechanismus zu beteiligen, sei der „deutschen Beharrlichkeit“ zu verdanken, so die „Eleftherotypia“. „Es war gar nicht unser Revolver, sondern der Deutschlands“, schreibt der Herausgeber, „und Deutschland hat ihn gegen Europa gerichtet.“
„Kriegsentschädigungen“
Auch bei weniger politisch gebildeten Griechen macht sich Unverständnis bis zu offener Aggression breit. „Uns nennt ihr Betrüger, Faulpelze und Gauner, und was ist mit euch?“, brüllt mich Charis K. an, als ich den Besitzer einer Imbissbude nach seiner Meinung über die Hilfskredite frage. „Ihr habt uns doch ausgeplündert, umgebracht und vergewaltigt – erst wenn ihr die Kriegsentschädigungen zahlt, könnt ihr Kritik an unseren Finanzen üben.“
Aber auch Griechen, die nicht auf die NS-Gräueltaten und die nie gezahlten Reparationen zurückkommen wollen, sind erbittert über den Zeigefinger, der in Deutschland erhoben wird.
Dass das kleine Griechenland keine Chance gegen den Exportriesen hat, ist den meisten klar. Und über die Stereotypen, die in Deutschland das Griechenlandbild bestimmen, gibt es keine Illusionen. Im Gegenteil, die Athener Mercedes-Vertretung bedient sich dieser Vorurteile: In einem Spot „mokiert“ sich der Sprecher mit gespieltem deutschem Akzent darüber, dass die Griechen sich mal wieder nicht an die Regeln halten und die Autos aus Deutschland zu einem Sonderpreis verkauften.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2010)