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Polen: Zwilling steigt in den Ring

(c) EPA (PAWEL KULA)
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Jarosław Kaczyński will die „Mission“ des verunglückten Präsidenten fortführen und bewirbt sich um dessen Nachfolge. Um zu gewinnen, müsste er sich völlig neu erfinden.

Warschau. Nun also doch: Jarosław Kaczyński, Zwillingsbruder des tödlich verunglückten polnischen Staatschefs, Lech Kaczyński, wird bei der Präsidentenwahl am 20.Juni antreten. Lange war gerätselt worden, wie der nationalkonservative Oppositionsführer reagieren würde. Bei der Flugzeugkatastrophe in Smolensk hat er vor zwei Wochen nicht nur seinen Bruder und seine Schwägerin verloren, auch viele Freunde sind unter den Opfern.

Während der Trauerfeiern wirkte Jarosław Kaczyński wie ein gebrochener Mann und gab an, derzeit an Politik nicht interessiert zu sein. Doch nun rüstet er zum Kampf. Kraft dazu gibt ihm wohl die Gewissheit, eine Mission zu erfüllen. Er sieht sein eigenes und das Wirken seines Bruders in einem größeren, historischen Zusammenhang. Auf einer der Trauerfeiern ließ er eine Grußbotschaft verlesen: „Wir müssen ihr so plötzlich unterbrochenes Werk wieder aufnehmen“, forderte er. „Vielleicht werden wir verlieren, vielleicht werden wir die Früchte unserer Arbeit nicht mehr ernten können. Doch wir müssen Zeugnis ablegen. Genauso wie die Generation, die im Wald von Katyn erschossen wurde und wie die, die 70 Jahre später gestorben sind, um ihnen ihre Ehre zu erweisen.“ Der Präsident war mit seiner Maschine unterwegs zur Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Katyn, bei dem russische Truppen 20.000 Polen erschossen und auf diese Weise große Teile der Intelligenz des Landes vernichten wollten.

 

Niederlage ist programmiert

Vor diesem Hintergrund ist es für Jarosław Kaczyński unerheblich, dass er wahrscheinlich in die sichere Niederlage laufen wird, denn es gibt einen großen Favoriten: Bronisław Komorowski. Der Parlamentspräsident und Kandidat der regierenden Bürgerplattform, der gemäß der Verfassung die Amtsgeschäfte des Staatsoberhauptes übernommen hat, liegt in allen Umfragen haushoch voran.

Allerdings befindet er sich in einer schwierigen Situation. Er muss führen, ohne in politischen Aktionismus zu verfallen. Zum einen ist er nicht demokratisch legitimiert, zum anderen würde ihm vorgeworfen, angesichts der nationalen Tragödie Wahlkampf für sich selbst zu machen. Komorowski sieht dieses Problem und agiert sehr zurückhaltend. Aber auch das ist ein Fehler, denn inzwischen wird ihm vorgeworfen, zu wenig Führungsstärke für das Amt des Präsidenten zu haben.

Dennoch wird es schwer, die Mehrheit der Polen zu überzeugen, dass Jarosław Kaczyński ein guter Präsident sein würde. Viele kennen ihn als Freund des politischen Nahkampfes und unversöhnlichen Kämpfer, der vor schmutzigen Tricks nicht zurückschreckt. Er muss nun zeigen, dass er aus seinem Leiden nach der Katastrophe gelernt hat, dass er seinen Gegnern die Hand zur Versöhnung reichen kann. Jarosław Kaczyński müsste sein gesamtes Auftreten verändern, seine rüden Gesten glätten, seinen barschen Ton mildern. Er müsste sich völlig neu erfinden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27. April 2010)