Die Rückkehr des Greißlers – als Supermarkt

SPÖ-Landesgeschäftsführerin Barbara Novak und Stadträtin Kathrin Gaál.
SPÖ-Landesgeschäftsführerin Barbara Novak und Stadträtin Kathrin Gaál.(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wie aus den Supergreißlern, dem Zukunftsprojekt der Wiener SPÖ, ein Spar in Simmering wurde – allerdings mit Tablets, Putzservice und Mehrwert für den Arbeitsmarkt.

Wien. Wo ist hier der Spar? „Oje, das ist weit, das sind zwei Busstationen“, sagt die alte Dame, die gerade mit Hund und vollgefülltem Einkaufstrolley durch den Karl-Maisel-Hof geht. Tatsächlich ist nun ein neues Geschäft gleich ums Eck, es schaut innen aus wie ein nagelneuer Spar, es steht Spar drauf, aber bei der Eröffnung ist die Rede von einem „Stadtgreißler“.

Rein äußerlich unterscheidet den nichts von einem neuen Spar, auch dass ein solcher heute ein paar Bistrotische hat, ist nicht neu. Tatsächlich soll das Geschäft aber ein soziales Zentrum des Gemeindebaus nahe dem Simmeringer Friedhof werden. Mit sozialem Mehrwert: Im Geschäft werden vormals Langzeitarbeitslose ausgebildet, im Bistrobereich können Tablets ausgeborgt und verwendet werden, im Geschäft kann man – das ist vorwiegend auf Ältere ausgelegt – Serviceleistungen buchen: Vom Nachhausetragen der Einkäufe über Erledigungen im Haushalt wie Fensterputzen bis zu Begleitung bei Arztbesuchen.

Mit diesem Spar, pardon, Stadtgreißler hat Wien nun einen Greißler neuer Art, wie er vor gut einem Jahr von der SPÖ als „Supergreißler“ angekündigt wurde. Zwar wurde aus „Super“ „Stadt“, aber die Stadtregierung kann ein Prestigeprojekt als erledigt abhaken: „Damit ist das dritte von fünf Zukunftsprojekten mit dem heutigen Tag hier in Simmering Realität“, sagt Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál (SPÖ) bei der Voreröffnung der Filiale. Schließlich hat die SPÖ voriges Jahr, nach ihrer Zukunftsklausur, als eines von mehreren Projekten eine Rückkehr der Greißler angekündigt: als Alternative zu Shoppingcenter und Einkaufsstraße, um Erdgeschoßzonen und Nebenlagen zu beleben und um Zentren zu schaffen, an denen soziale Einrichtungen andocken können, die auch Standorte für Sozialarbeiter oder für Services wie Post-Partnerschaften sein können. Ein Greißler als lokaler Treffpunkt und Nahversorger, wie es ihn seit dem Greißlersterben durch die Übermacht der Handelsketten kaum noch gibt.

 

Greißler neben Supermärkten

Einen Mangel an Nahversorgern gibt es hier, beim ersten neuen Spar-Greißler, allerdings eher nicht. Zwei Billa, ein Hofer, ein Lidl flankieren die Gemeindebauanlage. Aber das Geschäftslokal, in dem jetzt der Spar aufsperrt, stand zwei Jahre leer, es soll das zuvor ein wenig heruntergekommene Zentrum des Baus aufwerten, immerhin liegt er in einer kleinen Geschäftsstraße mit Apotheke, Fußpflegerin, Telefonzelle, Tschocherln oder Kebab/Burger-Imbiss.

Der Spar/Greißler mit sozialem Mehrwert ist für die Handelskette nicht die erste derartige Kooperation, so hat etwa die Caritas in Kooperation mit AMS und Spar voriges Jahr in Favoriten einen sozialökonomischen Supermarkt zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen gegründet. Im Unterschied dazu, hieß es, soll der Spar-Greißler kein sozialökonomischer, sondern ein wirtschaftlicher, also rentabler Betrieb sein.

Verantwortlich für den neuen Greißler ist nicht Spar selbst, sondern, entsprechend dem Modell der selbstständigen Spar-Kaufleute, die eigens gegründete Gesellschaft Cibaria GmbH. Neben Spar ist das AMS ein weiterer Partner, schließlich sollen 100 Ausbildungs-/Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose bzw. Menschen über 50 Jahren entstehen. Von der Stadt gibt es für das Projekt keine finanzielle Unterstützung. Spar habe das Konzept übernommen – bzw. modifiziert –, gefördert wird das Geschäft nicht. Weitere Super-/Stadt- (oder wie auch immer genannte) Greißler sollen folgen, schließlich sei der Spar-Greißler nur eine Auslegung des Konzepts, sagt Gaál. Wo und mit welchen möglichen Partnern – dazu wollte Gaál noch nichts Näheres sagen.

Politischen Gegnern reicht dieser Spar jedenfalls nicht, um die Rückkehr der Greißler als erledigt zu sehen: Neos Wien Wirtschaftssprecher Markus Ornig etwa spricht von „reiner Augenauswischerei“ – und fordert tatsächliche Unterstützung für kleine inhabergeführte Wiener Geschäfte mittels liberalerer Öffnungszeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2019)