„Wildlife“ im Kino: Diese Eltern sind der Horror

Betont unnatürlich: Carey Mulligan und Jake Gyllenhaal als Eltern, die Gänsehaut bereiten.
Betont unnatürlich: Carey Mulligan und Jake Gyllenhaal als Eltern, die Gänsehaut bereiten.Sony

Kritik Coming of Age einmal anders: Im Regiedebüt von Paul Dano müssen die Eltern erst einmal erwachsen werden.

Da sucht der Sohn verzweifelt nach seinem Vater, er fährt mit dem Rad die Straßen des Städtchens Great Falls ab, so lang, bis er ihn findet, in seinem geparkten Auto, offenbar den Rausch ausschlafend. „Die Mama hat mich geschickt“, ruft der Sohn. Es sei dringend! Der ehemalige Boss des Vaters hat angerufen, er will ihn wieder einstellen!

Was für ein Glück. Was für eine Erleichterung! Jetzt wird alles wieder gut. Aber der Vater, schlaftrunken, schüttelt nur den Kopf: kein Interesse. Keine Lust. Irgendwas mit Würde. Und dann kommen noch ein paar Männersprüche.

Wir sind im Jahr 1960, und der 14-jährige Joe versteht nicht. Wie sollte er auch. Dieser Vater ist nicht zu verstehen. Er hat die kleine Familie von Ort zu Ort geschleppt, immer in der Hoffnung, dort erwarte ihn ein besserer Job, ein besseres Leben, bis sie jetzt in Montana gelandet sind, wo er sich bis vor Kurzem als Rasenpfleger auf einem Golfplatz verdingt hat – jetzt hat er gar nichts mehr außer seinem unbegründeten Optimismus und schlägt auch noch die helfende Hand aus, die sich ihm reicht. Warum?

 

Durch die Augen eines Teenagers

In „Wildlife“, der ersten Regiearbeit des Schauspielers Paul Dano („Little Miss Sunshine“, „There Will Be Blood“), die auf einem Roman von Richard Ford beruht, beim Sundance Film Festival umjubelte Premiere hatte und ab Freitag im Kino läuft, sehen wir die Welt der Erwachsenen durch die Augen eines Teenagers. Es ist nicht schön, was wir sehen. Einen alkoholkranken Vater, der glaubt, als Ernährer niemandem eine Erklärung schuldig zu sein und der seine Familie monatelang allein lässt, um für ein Taschengeld als Hilfsfeuerwehrmann zu arbeiten. Eine Mutter, die sich in der Zwischenzeit einen reichen, alten Geschäftsmann anlacht. Wenn sie und Joe bei ihm zum Abendessen eingeladen sind, schickt sie den Sohn schon einmal hinaus zum Auto. Dort soll er warten, während sie sich noch für die nette Einladung „bedankt“. Gern tut sie es nicht, hat man den Eindruck.

 

Vielleicht sind sie ja Außerirdische

Von Anfang an wirken die Bemühungen beider Elternteile, eine Art Kleinfamilienidylle aufrechtzuerhalten, bizarr bis gruselig. Wie überhaupt den ganzen Film eine unheimliche Atmosphäre durchzieht. Jake Gyllenhaal und Carey Mulligan als Eltern bewegen sich immer einen Tick zu langsam, ihre Gesichter wirken zu steif, ihre Sätze wie auswendig gelernt, die Augen oft unnatürlich geweitet. Wenn sie dem Sohn die Hand auf die Schultern legen, ihm eine gute Nacht wünschen, bekommt man Gänsehaut.

Irgendwie könnten das auch Außerirdische sein, und vielleicht sind sie das ja: zumindest für den Sohn, der sie beobachtet, in seiner distanzierten, gnadenlosen Art, und sich kommentarlos ihre Klagen, Rechtfertigungen, Kalendersprüche anhört. Ed Oxenbould spielt ihn fast ohne Regung, so wie der ganze Film sich betont kühl und unerschrocken gibt. Identifikationsfigur? Gibt es hier keine. Die Eltern sind der Horror, der Sohn bleibt uns fremd.

Und da ist noch der Waldbrand, der die Gegend bedroht, dessen Schwaden bis nach Great Falls ziehen. In einer Schlüsselszene steht Joe vor dieser Feuersbrunst. Zuerst sieht man nur sein gerötetes Gesicht und hört ein Krachen, ein Grollen, das immer lauter wird. Erst dann, langsam, dreht die Kamera Richtung Flammen. Zeigt erst einen Ausschnitt, dann schließlich das ganze Ausmaß der Bedrohung. Dieses Feuer ist mächtig. Verstörend. Es könnte alles verschlingen.

Dass es das schließlich doch nicht tut, ist nur ein schwacher Trost.