Israelische Raumsonde auf Mondoberfläche zerschellt

Beresheet sandte während der Abstiegsphase großartige Selfies von hoch über dem Mond
Beresheet sandte während der Abstiegsphase großartige Selfies von hoch über dem MondAPA/AFP/-
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"Wir sind nicht erfolgreich gelandet“ - Nach Angaben von SpaceIL ist der wichtigste Motor der Raumsonde "Beresheet" in der Endphase des Landemanövers ausgefallen.

Die geplante Landung einer israelischen Raumsonde auf dem Mond ist spektakulär gescheitert. "Wir sind nicht erfolgreich gelandet", sagte ein Repräsentant der israelischen Nonprofit-Organisation SpaceIL am Donnerstagabend. Nach Angaben von SpaceIL ist der wichtigste Motor der Raumsonde "Beresheet" beim Landemanöver ausgefallen, die Sonde daraufhin auf der Mondoberfläche zerschellt. Die Kommunikation ging verloren.

Auf dem Video vom Ablauf der Ereignisse unten deuten sich die Probleme ab etwa Minute 32 und 55 Sekunden an: Der Abriss der Telemetrie geschieht bei 33,17.

Anhand der Telemetriedaten erkennt man, dass sich in etwa 13,3 Kilometern Höhe über dem Mond etwas ereignet hatte: Da brach die Datenübertragung, die bis dahin reibungslos funktioniert und unter anderem Höhe, Sink- und Horizontalgeschwindigkeit, Batterieladestand und ähnliches angezeigt hatte, ab. Zu dem Zeitpunkt sank die Sonde demnach mit etwa 25 Metern pro Sekunde bei einer seitlichen Geschwindigkeit von rund 900 m/s.

Als die Übertragung nach etwas mehr als einer Minute wieder einsetzte, war das Gefährt infolge des Motorendefekts bereits auf elf Kilometer Höhe abgesackt und sank bereits mit 48 m/s, was sich in Folge schnell erhöhte, auf 70, 90 und mehr als 100 Meter pro Sekunde. Ziemlich genau drei Minuten und 24 Sekunden nach dem Beginn des Problems rief der Sprecher im Kontrollzentrum in Israel, wo unter anderem Premierminister Benjamin Netanjahu zusah, dass man den Hauptmotor wieder angeworfen habe - aber da zeigte der Höhenmesser schon nur noch 415 Meter über Grund an.

Absturz dauerte dreieinhalb Minuten

Während kurzfristig Applaus über den vermeintlich gelungenen Neustart aufbrandet, reisst die Telemetrie nur wenige Sekunden später endgültig ab. Die letzte Anzeige, ziemlich genau 3 Minuten und 27 Sekunden nach Beginn des Problems, meldet eine Höhe von 149 Metern, eine horizontale Geschwindigkeit von 946 m/s - und vor allem eine Fallgeschwindigkeit von 134 Metern pro Sekunde. Damit wird sich Beresheet beim Aufprall wohl in zahlreiche Teile zerlegt haben.

Die Stimmung im Kontrollzentrum kühlte in Folge rasch ab. Man sah versteinerte Gesichter und Menschen, die verzweifelte Gesten machten. Doch schnell erfingen sich die Menschen, applaudierten, stimmten Lieder an und feierten zumindest die prinzipielle Ankunft am Mond und die „große Mission" Israels. Netanjahu trat vor und sagte: „Wenn man etwas nicht schafft, versucht man es noch einmal."

Israels Fahne hoch über dem Mond

Und es gab noch etwas zu feiern: Die Sonde hatte nämlich während der Landung großartige „Selfies" von sich gemacht, die den Mond dicht hinter ihr zeigen - und eine Abbildung der israelischen Fahne im Vordergrund. Letztlich klang die Mission im Kontrollzentrum trotz des Unfalls ungeheuer würdevoll und positiv aus.

Israel stand an der Schwelle, zum erst vierten Land zu werden, das eine Sonde auf den Mond brachte. Beresheet („Genesis“, „am Anfang“) sollte zwischen etwa 21 Uhr und ein Uhr früh auf der erdzugewandten Seite im Mare Serenitatis landen, dem Meer der Heiterkeit etwas nördlich des Äquators. Damit würde das kleine Land in dieser Hinsicht den USA, Russland und China folgen.

Beresheet (Masse beim Start etwa 600 Kilogramm) war am 22. Februar von Cape Canaveral in Florida gestartet, auf einer Falcon-9-Rakete von SpaceX des Unternehmers Elon Musk (Tesla). Es ist die erste private Mondmission, sie wird von SpaceIL finanziert und durchgeführt, einer Gruppe israelischer Raumfahrtfans um den Software-Unternehmer und Milliardär Morris Kahn. Die Kosten werden mit 100 Millionen Dollar angegeben.

Gebaut wurde Beresheet, die einem Tisch mit vier Beinen von eineinhalb Metern Höhe ähnelt, allerdings vom Staatskonzern Israel Aerospace Industries. An Bord sind unter anderem ein Magnetfeldmessgerät, eine israelische Fahne, eine Kamera sowie Datenträger, die von Kindern gemalte Bilder, Erinnerungen eines Holocaust-Überlebenden, eine hebräische Bibel und anderes enthalten.

Partys im ganzen Land

Vielerorts in Israel fanden angesichts des für das Land pionierhaften Ereignisses „Mondlandepartys“ statt. Eine Nachfolgemission ist allerdings nicht geplant, Beresheet soll mangels Klimaanlage wohl nach etwa zwei Tagen den Geist aufgeben. Noch im Frühjahr dürfte Indien ebenfalls eine erste Sonde auf den Nachbarhimmelskörper der Erde bringen; die USA haben zuletzt eine neue bemannte Landung binnen fünf Jahren angekündigt. (wg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2019)

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