Osterfestival Tirol: Nichts für Adabeis

Neugierig. Hannah Crepaz will das Publikum und sich selbst bewegen.
Neugierig. Hannah Crepaz will das Publikum und sich selbst bewegen.(c) die Presse (Carolina Frank)

„Heimat.Welt" lautet das Motto des diesjährigen Osterfestivals Tirol. Hannah Crepaz leitet dieses seit fünf Jahren.

Zwischen Aufklärung und Wahnsinn, Abwesenheit und Präsenz, Rasanz und Verzögerung irrlichtern am Ostersonntag elf Tänzer im großen Saal des Congress Innsbruck (Dogana). Die Musik klingt bekannt und ist es doch nicht. Die französische Choreografin Maud Le Pladec nennt ihr jüngstes Tanzstück, „Twenty-seven perspectives", eine choreografische Symphonie. Gemeinsam mit dem britischen Komponisten Peter Harden ist aus Franz Schuberts „Unvollendeter" eine geisterhafte Partitur entstanden, in der die Tänzerinnen und Tänzer die von Harden zitierte Symphonie in h-Moll aus 27 Perspektiven einkreisen.

Als Premiere im deutschsprachigen Raum wird Le Pladec mit ihrer Compagnie diese 27 Variationen zum diesjährigen Festivalabschluss zu Gesicht und Gehör bringen. Das richtige Stück für das vielfältige Programm des Osterfestivals Tirol. Einen Höhepunkt will Hannah Crepaz, die künstlerische Leiterin des Festivals, das Tanzstück nicht nennen, ist doch jede einzelne Aufführung, ob Konzert oder Tanz, Film oder Gespräch, ein Höhepunkt des in Hall in Tirol und Innsbruck bestens verankerten Festivals, dessen Wurzeln in die frühen 1970er-Jahre zurückreichen. Damals übernahm das junge Ehepaar Maria und Gerhard Crepaz die mit einigen Hallern ins Leben gerufene Galerie St. Barbara. Im September 1968 hatte der Musikstudent Gerhard Crepaz die neue Galerie mit „Sechs kleine Klavierstücke, op. 19" von Arnold Schönberg eröffnet. Ein Schock für die Tiroler. Schönberg? Nie gehört!

Keine Schubladen-Genüsse. Inzwischen wissen nicht nur junge und alte Haller und Innsbrucker, wer Schönberg, Cerha, Stockhausen oder John Cage sind. Schnell wurde die Galerie St. Barbara unter der Leitung von Gerhard und Maria Crepaz als Veranstalter durch Uraufführungen und die Vorstellung junger Künstler weit über Tirol hinaus bekannt. Bei der Neuen Musik ist es nicht geblieben: „Nicht das Trennende, das Verbindende ist uns wichtig", sagt Hannah Crepaz. Wie ihre drei Geschwister hat sie, kaum konnte sie auf zwei Beinen stehen, mitgearbeitet. Ein leiser Seufzer entringt sich Mitbegründerin Maria Crepaz, wenn sie sich an die ersten Jahre erinnert: „Wer Neues wagt, trägt auch ein finanzielles Risiko. Wir waren jung und naiv und hatten fast kein Geld. Das haben wir durch Begeisterung, sehr viel Arbeit und Unterstützung von Freunden und der Familie ausgleichen müssen."

(c) die Presse (Carolina Frank)

Heute dient die Galerie St. Barbara nicht nur für das größte Mehrspartenfestival in Westösterreich, sondern auch für viele Veranstaltungen während des übrigen Jahres als Dach. Mit der Auslastung ist Hannah Crepaz zufrieden: „An die 10.000 Gäste kommen alljährlich, nicht nur aus Österreich, davon ist fast ein Drittel zum ersten Mal Teil des Festivals." Das Besondere an diesem Festival ist nicht nur das Ineinandergreifen der Genres und der geistige Subtext, der in allen Veranstaltungen mitschwingt, sondern auch, dass die Gäste an unterschiedlichen Orten (auch in den Haller Kirchen wird musiziert und deklamiert) verweilen, weil sie hier mehr bekommen als Genüsse aus der Schublade, die sie schon so oft geöffnet haben. Nur um dabei zu sein, gesehen zu werden, kommen die Gäste des Osterfestivals Tirol kaum. Aber wenn ein En­­semble im Kerzenschein gregorianische Choräle singt und es dazwischen Zeit zum Nachdenken gibt, dann ist der Saal voll.

Zum 25-Jahr-Jubiläum des Festivals hat Gerhard Crepaz die künstlerische Leitung seiner älteren Tochter Hannah übergeben: „Einfach war das nicht, die hohen Ansprüche der Eltern zu halten und meine eigene Handschrift zu entwickeln." Sechs Jahre später, nachdem sie auch organisatorische Veränderungen wie ein Abo-System umgesetzt hat, sind die Zweifel besiegt. Wie Gerhard und Maria hat Hannah Crepaz gewonnen, weil sie gewagt hat. Und weiter wagt. Eine schwierige Aufgabe im Heiligen Land? Hannah Crepaz lacht. „Tirol ist ganz anders, dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Tirol war Wien oft sehr weit voraus. Sowohl was die Entdeckung der Alten wie auch der Neuen Musik betrifft. Das Publikum war immer schon überaus offen und neugierig."

Aufgewachsen in einem offenen, kulturellen Umfeld, hat sie Musikwissenschaft studiert und ihre Liebe zum Tanz entdeckt. Auch die Körperkunst ist in das jeweils am Aschermittwoch beginnende Festival fest integriert. Und wieder ist das ungeschriebene Motto erkennbar: Neues und Bekanntes, Großes und Kleines, Heimisches und Fremdes werden auf der großen Bühne in Innsbruck oder im romantischen ehemaligen Salzlager in Hall gezeigt. Bewegt sich und bewegt das Publikum. „Mit Alter und Neuer Musik, Performance, Film und über den Tanz versuchen wir, den Menschen etwas aus seiner Komfortzone herauszuholen. Vor allem jene Veranstaltungen, die reiben, irritieren, regen zum Weiterdenken an. Tanz etwa muss sich nicht vermitteln. Jeder deutet die Bilder anders, meist in Verbindung mit den eigenen Lebenserfahrungen." Der Titel des großen Balletts aus Frankreich ist ziemlich verwirrend? „Er bezieht sich auf ein Werk des 2005 verstorbenen Schweizer bildenden Künstlers Rémy Zaugg. Er hat eine Serie von ,27 Esquisses perceptives‘ geschaffen, um ein Bild Paul Cézannes ganz zu erfassen. Maud Le Pladec und Komponist Harden untersuchen in der Verschmelzung von Musik, Choreografie und Tanz die Schubert-Symphonie. Das muss man nicht wissen, um die Musik zu sehen und den Tanz zu hören."

Tipp

Maude Le Pladec/Peter Harden: „Twenty-seven perspectives", Innsbruck ­Congress (Dogana), Osterfestival Tirol, 21. 4., www.osterfestival.at