Grätzeltour

Wien Favoriten: Alter Schwede? Per Albin!

Per-Albin-City-Light mit KÖR-GF Martina Taig (links) und den Kuratorinnen Doris Krüger (Mitte) und Ilse Lafer (rechts).
Per-Albin-City-Light mit KÖR-GF Martina Taig (links) und den Kuratorinnen Doris Krüger (Mitte) und Ilse Lafer (rechts).Dimo Dimov

Soziales Wohnen, was ist das? In der Favoritner Per-Albin-Hansson-Siedlung kuratieren Doris Krüger und Iris Lafer heuer fünf temporäre Ausstellungen zum Thema.

Es waren Geschenke der besonderen Art: die Vibro-Maschinen der „Schweden-Hilfe“, mit denen aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs Ziegel für den Wiederaufbau generiert werden konnten. Etwa für die 1947–51 gebaute Per-Albin-Hansson-Siedlung West, benannt nach dem damaligen Präsidenten des sozial agierenden Landes. Bis 1977 folgten in mehreren Baustufen die Erweiterungen Nord und Ost.

Ein Dorf in der Stadt?

Spaziert man heute durch das Areal, findet man zwei unterschiedliche Welten. Die nach dem Gartenstadtkonzept der 1920er/30er-Jahre angelegten Siedlungen West und Nord – und die 1966 bis 1977 entstandene Siedlung Ost mit fünf- bis achtgeschoßigen Fertigteilblocks. Die ersten Bauten noch wie parallel gestellte Bauklötze, die späteren schon gestaffelter, gegliederter und in unterschiedlichen Höhen. Was sie alle eint, sind die großzügigen Grünflächen, die den rund 10.000 Bewohnern eine lebenswerte Umgebung bieten sollen.

Neues soziales Wohnen

Und die Kunst zwischendrin, die heuer in fünf temporären Ausstellungen zum Thema „Neues soziales Wohnen“ im Rahmen der IBA (Internationale Baumesse) Wien 2022 gezeigt wird. Derzeit sind es Arbeiten von Andreas Fogarasi und Christoph Ruckhäberle, die sich in der Siedlung Ost den Begriffen „Kultur und Freizeit – Leben und Arbeit“ widmen.
„Wir kannten die Per-Albin-Hansson-Siedlung nicht und sind von der Siedlungsstruktur, die an die 1920er-Jahre-Gemeindebauten erinnert, sehr angetan“, meinen die Kuratorinnen des Projekts, Ilse Lafer und Doris Krüger. „Vor allem die vielen Grünflächen und die lockere Bebauung tragen zur Lebensfreundlichkeit bei“, ergänzt Martina Taig, Geschäftsführerin von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum, unterstützt von Wiener Wohnen und Wohnpartner), die das Projekt ausführt. Die Bewohnerbefragung der IBA in der Siedlung kam zu einem ähnlichen Ergebnis: hohe Zufriedenheit, auch dank grüner Umgebung. Und: Es hat sich mit den Jahren eine fast dörfliche Struktur entwickelt.

Der Bergtaidingweg als „Mahü“

Die aktuelle Ausstellung, die bis 6. Juni zu sehen ist, ist die zweite der fünf Projekte. Fogarasi greift dabei Per-Albin-Einrichtungen wie „das Haus der Begegnung“ oder die „Rundsporthalle“ auf und schlägt auch neue Gemeinschaftseinrichtungen mit effektvollen Logos für die Schaukästen vor. Ruckhäberle antwortet darauf mit zwölf Gemälden, die als Plakatdrucke gezeigt werden – in den sonst Werbung vorbehaltenen City Lights. Denn „bei der IBA-Befragung zeigte sich, dass zwar die Wohnzufriedenheit sehr hoch ist, die Menschen aber unter dem schlechten Image der Siedlung leiden“, erzählt Krüger, die auch als Künstlerin und KÖR-Jurymitglied tätig ist, die Entwicklung des Projekts. „Und da sie interessanterweise die Mariahilfer Straße als Idealbild angegeben haben, haben wir uns überlegt, was denn eine Straße wie die Mariahilfer Straße ausmacht.“ Gefunden wurde der Bergtaidingweg, ein die Siedlung durchquerender, sehr frequentierter Fußweg. „Und als Symbol für eine innerstädtische Straße wie die Mahü haben wir auf das Medium der City-Light-Vitrinen zurückgegriffen und fünf Künstlerpaare engagiert, um diese City Lights mit Kunst und Leben zu füllen – auf ganz unterschiedliche Art und Weise“, ergänzt Lafer, Leiterin der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Vor Ort im Ekazent Ost

Überdies hat man im Einkaufszentrum Ekazent Ost an der Alma-Rose-Gasse 2 ein kleines Lokal angemietet, in dem die Kuratorinnen anwesend sind. „Wir wollen vor Ort sein, um Fragen zu beantworten“, meint Krüger. „Jede Kunstinstitution braucht Zeit und Kommunikation“, ergänzt Lafer, wobei zurzeit „die Kommunikation im Mittelpunkt steht.“

Zum Ort, zu den Personen

Die Per-Albin-Hansson-Siedlung (PAHS) in Favoriten wurde 1947–77 erbaut, sie sowie ihre Straßen wurden nach schwedischen Persönlichkeiten benannt. Mietwohnungen kosten im zum Teil dicht verbauten 10. Bezirk zwischen 7,6 und 10,9 Euro/m2, die grünen Randlagen sind begehrte Wohngebiete. Doris Krüger ist als Künstlerin tätig, Ilse Lafer als Galerieleiterin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Web: www.koer.or.at

> > Tipp: Interviews mit Zeitzeugen und zahlreiche Fotos gibt es im aktuell erschienenen Buch „Die gute Siedlung", erhältlich in allen wohnpartner-Lokalen in ganz Wien. Web: www.wohnpartner-wien.at