Bühne

„Orlando“: Psychose eines Kriegsmannes

Claus Guth und Anna Prohaska fanden sie in Händels schöner Musik.
Claus Guth und Anna Prohaska fanden sie in Händels schöner Musik.Carolina Frank

Nicht blumig! Claus Guth inszeniert Händels „Orlando“. Anna Prohaska singt die umschwärmte Angelica, die sich dem Helden entzieht. Warum?

Wir haben es mit einem Kriegshelden zu tun, der in der Krise ist“, sagt Regisseur Claus Guth über G. F. Händels „Orlando“: „Der Krieg hat Orlando traumatisiert. Er hat Extremes gesehen und erlebt. Dadurch ist es bei ihm zu einer Normverschiebung gekommen. Seine moralischen Koordinaten sind in der schändlichsten Verwirrung. Die Liebe, so erfährt er, lässt sich nicht so organisieren wie der Krieg. Und noch etwas setzt ihm schwer zu: Er ist von Lügen und Lügnern umgeben. Er kann Sein und Schein nicht mehr auseinanderhalten. Zoroastro prophezeit ihm, dass er neue Heldentaten vollbringen wird. Angelica macht ihm falsche Hoffnungen. Die Oper zeichnet die Psychose eines Menschen.“ Bei Händels „Orlando“ fällt den meisten schöne Musik ein: „Von den blumigen Regieanweisungen darf man sich nicht verleiten lassen“, sagt Guth streng.

Viel Gegenwart in einer Oper aus dem 18.  Jahrhundert. Prohaska: „Genau, im echten Leben lieben einander auch meist die Falschen, und nur äußerst selten finden ideale Paare zueinander.“ Guth wollte zuerst zum Film: „Oper konnte ich nicht leiden. Dann gab es eine Initialzündung. Ich bin in Frankfurt mit meinen Eltern in den „Ring“ gegangen. In der Ära des Dirigenten Michael Gielen haben in Frankfurt alle diese heutigen Regietheater-Urgesteine wie Hans Neuenfels oder Ruth Berghaus inszeniert. Bei Berghaus’ „Ring“-Version gab es regelrechten Tumult. Es begann schon in den Pausen. Am Ende haben sich die Leute fast umgebracht, eine halbe Stunde gab es Buhs und Bravos. Ich war konsterniert über diese emotionale Wucht.“ Fast wie beim Fußball, in seiner Freizeit schaut Guth gern Matches an. Filme sind aber noch immer eine Inspirationsquelle, zum Beispiel „Roma“, das Netflix-Familiendrama von Alfonso Cuarón erhielt heuer mehrere Oscars.