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Zieglergasse soll cool werden

So oder so ähnlich wie in diesem Rendering soll die Zieglergasse in neun Monaten aussehen.
So oder so ähnlich wie in diesem Rendering soll die Zieglergasse in neun Monaten aussehen.(c) (c) ZOOMVP.AT (ZOOM visual project gmbh)
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In Neubau entsteht Wiens erste „klimaangepasste Straße“. Kühlbögen, Bäume und heller Belag sollen die gefühlte Temperatur an Hitzetagen um fünf Grad drosseln.

Wien. „7., Kühle Meile Zieglergasse“ steht nun auf einem Schild in der – erraten – Zieglergasse. Das passt, ist es gerade, wie in ganz Wien, ziemlich kalt. Entsprechend antizyklisch das Thema, dessen sich die Grünen am Freitag angenommen haben: Abkühlung!

Aber die nächste Hitzewelle kommt gewiss, und Zeitpläne von Straßenbauprojekten halten sich nicht an kleine Kälteeinbrüche. In der Zieglergasse soll es also kühler werden. Die 1,2-Kilometer-Straße, von der Mariahilfer Straße bis zur Lerchenfelder Straße quer durch den siebenten Bezirk, soll Wiens erste „klimaangepasste Straße“ werden. Im Zuge der Neugestaltung – die, so Bezirksvorsteher Markus Reiter (Grüne), wegen Erneuerung der Wasserleitungen sowieso nötig gewesen wäre – sollen etwa Nebelduschen, Bäume oder Pergolen Abkühlung bringen. Diese Straße soll ein Best-Practice-Beispiel sein, und später in der Stadt Nachahmer finden.

„Die Anzahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad wird sich in Wien bis 2050 mehr als verdoppeln. Wir müssen auf allen Ebenen handeln“, sagt die designierte Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin, Birgit Hebein (Grüne). Also brauche es neben großen Würfen – Hebein spricht etwa eine City-Maut an, an der aus ihrer Sicht kein Weg vorbeiführe – auch kleinteilige Initiativen. Der 7. Bezirk biete sich mit einem Grünanteil von nur zwei Prozent da besonders an, sagt Bezirksvorsteher Reiter.

Wie soll diese Kühlstraße aussehen? An vier Stellen entlang der Straße entstehen Flächen mit Platzcharakter, mit erweiterten Gehsteigen und neuer, lichtreflektierender Pflasterung. Diese Plätze entstehen vor der Volksschule, beim Häuserrücksprung auf Höhe Nummer 34, im Kreuzungsbereich mit der Westbahnstraße (hier werden Fahrbahn- und Gehsteig auf ein Niveau gebracht) und zwischen Badhausgasse und Lerchenfelder Straße. Außerdem werden vier Kühlbögen aufgestellt, die ab 27 Grad automatisch aktiv werden und Sprühnebel abgeben.

 

Sprühnebel wie in Palm Springs

Diese kann man sich etwa vorstellen wie Sprühnebel-Anlagen, die Schanigärten kühlen und energie- und wassersparend betrieben werden. Dazu kommen Sitzgelegenheiten mit Pergola-Konstruktionen, die Schatten spenden, ebenso rund zwei Dutzend Bäume, Ulmen, deren Baumscheiben vergrößert werden, damit die Kronen breit wachsen können. Zusätzlich kommen Wasserentnahmestellen. Die gefühlte Temperatur soll so um fünf Grad sinken.

Trinkbrunnen, ein Mehr an Grün, Sitzgelegenheiten, Aufenthaltsqualität – neu klingt das nicht, eher nach dem Standardprogramm umgestalteter Straßen. Was ist also neu? Zum einen seien die Kühlbögen die ersten dieser Art in Wien auf öffentlichen Flächen, sagt Reiter. Im heißeren kalifornischen Palm Springs gibt es derartiges länger. Und es ist Wiens erste Straße, in der Kühlung im Fokus steht, nicht Organisation des Verkehrs. „Das ist kein Verkehrsberuhigungsprojekt“, sagt Reiter. Wobei Kühlen freilich heißt, mehr Platz für Alternativen zum tendenziell heizenden Autoverkehr zu schaffen.

Entsprechend entstehen 150 Fahrradabstellplätze. Wo Gehsteige breiter werden, fallen Parkplätze weg – in Summe 48 der 311. Reiter verteidigt das damit, dass der Autobesitz im Bezirk ohnehin zurückgeht und es viele Garagenplätze gebe. Die Kosten sollen bei 2,4 Millionen Euro liegen, die Stadt steuert rund 70 Prozent bei. In den Hitzetagen dieses Sommers wird das alles noch nichts bringen. Weil erst die Wasserwerke ihre Arbeiten erledigen müssen, startet die Gestaltung im August, sie soll im Dezember abgeschlossen werden – wenn es kalt ist. (cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2019)