Theater in der Josefstadt: Die Liebe mit David Schalko

„Ich werde nicht mit dir schlafen!“, sagt Silvia (Sona MacDonald) zu Gustav (Götz Schulte).
„Ich werde nicht mit dir schlafen!“, sagt Silvia (Sona MacDonald) zu Gustav (Götz Schulte).(c) APA/MORITZ SCHELL (MORITZ SCHELL)

Torsten Fischer inszenierte „Toulouse“ – mit Gespür für das Detail und einem Paar, das einander nichts schenkt. Brillant: Sona MacDonald. Toll: die Bühne.

The Mercy Seat“ heißt ein Song von Nick Cave über einen Mann in der Todeszelle – und ein Stück von Neil LaBute, das unter dem Titel „Tag der Gnade“ 2004 im Burg-Kasino gezeigt wurde: Zur Zeit des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center verbringen ein dort beschäftigter junger Mann, Ben, und seine Chefin Abby ein Schäferstündchen anderswo. Nach der Attacke stellt sich die Frage: Wie wäre es zu fliehen und ein neues Leben zu beginnen? Gustav ist das fürs Erste bereits gelungen: In David Schalkos „Toulouse“, seit Donnerstagabend in der Josefstadt zu sehen, hat der erfolgreiche Unternehmer seinen Betrieb verkauft, seine Frau verlassen, die kein Kind bekommen konnte; ihre junge Nachfolgerin wurde gleich schwanger.

Doch Gustav kommt von seiner Exfrau nicht los, sie lädt ihn zu einer letzten Aussprache in das Hotel, in dem die beiden vor langer Zeit glücklich waren, sie spielt mit ihm Katz und Maus und macht ihn fertig. Da geschieht das Unerwartete: Gustav, der seiner jungen Frau erzählt hat, er sei bei einem Kongress in Toulouse, erfährt, dass es ebendort einen Terroranschlag gegeben hat.

Großer Bub mit Mördermama

„Toulouse“ ist Strindberg en miniature. Aus der Beziehungskiste hüpft im Lauf des kurzen Abends ein Krimi, der Beginn wirkt schematisch, der Schluss bietet eine Überraschung. Torsten Fischer hat inszeniert, Götz Schulte spielt Gustav und Sona MacDonald seine Exfrau. Schulte ist als Typ wie in seinem Spiel die Idealbesetzung für Gustav, den Schlawiner, einen feschen Mann, der glaubt, in den besten Jahren zu sein, und den selbstgewissen Charme des Start-up-Machers ausstrahlt, der Lack hat aber schon einige heftige Kratzer. Schlechthin fulminant ist Sona MacDonald, allein wegen ihres gefährlichen Lächelns sollten Josefstadt-Fans diese Aufführung nicht versäumen.

Simone de Beauvoir thematisierte Ende der Sechziger das Verlassenwerden in der Erzählung „Eine gebrochene Frau“. Seither ist viel Zeit vergangen, das sieht man hier. Die Frau weiß sich zu wehren, und wie sie das tut, weckt viel Heiterkeit, vor allem bei den Damen im Publikum. Die Klipp-Klapp-Dialoge sind perfekt einstudiert. Der Clou dieses Abends für ein kleines Stück im großen Haus allerdings ist das elegante Bühnenbild für das Refugium an der See mit Sand, Schrägen, weißen Kästen und Videos vom Wasser (Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafilopoulos). Das Einzige, was man sich fragt, ist, ob das Herumstolpern der Akteure über und oberhalb der Kante Absicht oder Unsicherheit ist.

Die Liebe bietet dem Theater doch immer wieder den saftigsten Stoff, von Lot Vekemans' finsterem „Gift. Eine Ehegeschichte“ über „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ von Edward Albee – raffiniert und von Andrea Breth inszeniert! – bis zur federleicht-boshaften „Bella Figura“ von Yasmina Reza, alle diese Dramen waren in Wien zu sehen.

„Toulouse“ gehört nicht zu den Meisterwerken des Kultautors David Schalko, der in „Braunschlag“ das viel strapazierte österreichische Dorf neu und wild ausmalte und zuletzt im Fernsehen bei der Wiederauflage von „M − Eine Stadt sucht einen Mörder“ mit atemberaubenden Ausblicken auf Wien verblüffte. Jetzt also: Liebe mit Schalko, der auf diesem Gebiet weniger überraschend originell ist als in anderen Bereichen.

Pointierte Petitesse

Doch die vergleichsweise Petitesse „Toulouse“ hat ihren Reiz, sieht man von dem Zynismus ab, eine Weltkatastrophe als Staffage für ein Beziehungsgeplänkel zu nutzen.

Lovestories sind ja oft auch ein Schrittmacher für Entwicklungen in einer Kernzelle der Gesellschaft, dem Privatleben, das wohl doch politischer ist, als manche glauben. In teilweise recht pointierten Dialogen – „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“, sagt Silvia – erscheint oft die Frau begehrender und zielstrebiger als der Mann. Was noch auffällt: Großes Unglück befeuert die sexuelle Gier. Und: Am Ende ist die Trauer über das Verlorene trotz aller Fortschritte in der Kommunikation der Geschlechter gleich geblieben.