Transphob

Sollen Jugendliche, die ein Problem mit ihrem biologischen Geschlecht haben, die beste Hilfe bekommen? Sie und ich sagen: Ja. Aber fragen Sie einmal LGBTQ+-Lobbyisten.

Die „Times“ berichtet, dass fünf Ärzte die GIDS, die einzige Transgender-Klinik im britischen staatlichen Gesundheitswesen, verlassen haben, im Protest gegen die vorschnelle Verschreibung von Geschlechtsumwandlungen bei den immer häufiger werdenden jungen Patienten. Es würde zu wenig untersucht, ob die Kinder und Jugendlichen tatsächlich transsexuell sind, oder ob ihre Genderdysphorie – das Leiden am Geburtsgeschlecht – nicht bloß Ausdruck einer psychosozialen Konfliktsituation ist. Sie erzählen etwa von Jugendlichen, die ihre Homosexualität durch eine Geschlechtsumwandlung loswerden möchten.

Studien weisen darauf hin, dass mindestens 80 Prozent aller Kinder ihre Genderdysphorie auch ohne medizinischen Eingriff bis zum Erwachsenwerden wieder loswürden. Es läge also auf der Hand, zunächst an eine psychologische Behandlung statt an eine Reassignment-Therapie zu denken, die typischerweise darin besteht, bei Kindern ab 11 Jahren mittels Hormonblockern die Reifung zu verzögern, in der Pubertät massiv Testosteron bzw. Östrogen zu verabreichen und dann chirurgisch einzugreifen. Zu Langzeitfolgen und -erfolgen gibt es kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Die „Times“ zitiert Carl Heneghan, einen renommierten Institutsleiter der Universität Oxford, dass die routinemäßige Hormonbehandlung „angesichts der Ärmlichkeit der wissenschaftlichen Evidenz ein ungeregeltes Live-Experiment an Kindern“ sei. Darauf rief die „LGBTQ+ Campaign“-Gruppe der Universität Studenten zum Protest auf: „Dass transphobe, angstschürende Artikel Priorität in nationalen Medien erhalten, ist inakzeptabel!“ Heneghans „transphobe Rhetorik“ schade Transgender-Menschen?

Akademischen Gegenwind hat auch ein Forscher der Universität in Bath erlebt. Jonathan Caspian hatte als renommierter Psychiater in der Transgender-Szene mit Fällen zu tun, in denen Menschen ihre Geschlechtsumwandlung bereut oder sogar rückgängig gemacht hatten. Als er darüber seine Masterarbeit schreiben wollte, versagte ihm die Universität das. Denn Reaktionen darauf in Social Media könnten ihr Ansehen beschädigen.

Genderdysphorie ist ein echtes, oft schweres Leid. Umso rätselhafter ist es, dass Aktivisten im Namen der Leidenden die wissenschaftliche Suche nach der bestmöglichen Hilfe als unanständig brandmarken. Dieselben Aktivisten, die zu Recht die Praxis bekämpft haben, eine sexuelle Orientierung medizinisch umpolen zu wollen, setzten alle Hebel in Bewegung, damit beim Leiden an der Leiblichkeit das Umpolen die einzige erlaubte Option ist. Wissenschaft ist das nicht.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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