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USA: Wall-Street-Gigant unter Dauerfeuer

(c) REUTERS (NATALIE BEHRING)
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Der unter Betrugsverdacht stehende Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein ist um Schadensbegrenzung bemüht, am Dienstag trat er mit größerer Demut in den Zeugenstand. Die Vorwürfe dubioser Deals erhärten sich.

Washington. Lloyd Blankfein ist Stammgast auf dem Kapitol in Washington. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist der Chef von Goldman Sachs regelmäßig zum Hearing vor den diversen Kongressausschüssen vorgeladen. Als der Sohn eines Postbeamten, der in bescheidenen Verhältnissen in einer Sozialwohnung in Brooklyn aufgewachsen ist, einmal aus einem solchen Anlass im Brustton der Überzeugung des erfolgreichsten und mächtigsten Finanzmanagers der Wall Street erklärte, die Banker verrichteten „Gottes Werk“, sorgte er für einen Fauxpas, der für viele Amerikaner Blasphemie gleichkam.

Am Dienstag trat Blankfein mit größerer Demut in den Zeugenstand des Senatsausschusses. Zu viel steht für seine Firma und ihn persönlich auf dem Spiel, seit die Börsenaufsicht SEC vor zwei Wochen eine Zivilklage wegen Betrugs im Handel mit faulen Hypothekenkrediten eingereicht hat. Das Image von Goldman Sachs hat trotz Rekordprofiten böse Kratzer abbekommen, und die Taktik des 54-Jährigen lief darauf hinaus, Schadensbegrenzung zu betreiben. Vertrauen, so Blankfein, sei schließlich das größte Kapital einer Bank.

 

Außer Kontrolle

„Für viele sind die Transaktionen eine Bestätigung dafür, wie sehr die Wall Street außer Kontrolle geraten ist“, sagte er in einem einleitenden Statement. Blankfein konzedierte, dass das Alarmsystem versagt habe. Ein Zugeständnis, das ohnedies evident ist und der Kritik die Spitze nehmen sollte.

Zumindest mit einem Auge blickte die Finanzwelt in Manhattan auf das Hearing in Washington, um zu verfolgen, wie sich Blankfein stellvertretend für die gesamte Branche schlagen würde. Morgan Stanley und anderen Größen der Wall Street könnten demnächst ähnliche Klagen und Einvernahmen ins Haus stehen. Die SEC hat ihre Ermittlungen forciert und bereits weitere anrüchige Finanzdeals zutage gefördert.

Konziliant im Ton, aber hart in der Sache: so lautete das Kalkül des als aggressiv verschrienen Chefs von Goldman Sachs. Steif und fest behauptete er: „Wir haben sicherlich nicht gegen unsere Kunden gewettet.“ Der Vorwurf der SEC zielt darauf ab, dass Goldman Sachs im Zusammenspiel mit dem Finanzinvestor John Paulson die Käufer mit windigen Finanzkonstrukten (wie Abacus) bewusst in die Irre geführt und auf einen fallenden Immobilienmarkt gesetzt habe. Mitnichten, konterte Blankfein, der gemeinsam mit weiteren Spitzenmanagern sowie dem inzwischen zu zweifelhaftem Ruhm aufgestiegenen Wertpapierhändler Fabrice Tourre zur Anhörung erschien. Die Bank habe sogar 1,2 Milliarden Dollar verloren, sagte er.

Doch Carl Levin, der Vorsitzende des Senatsausschusses, schwang sich zum Chefankläger des Tribunals auf. Triumphierend hielt er der Corona des 140 Jahre alten Bankhauses die sichergestellten E-Mails entgegen, aus denen hervorgeht, dass die Bank sehr wohl Gewinne gemacht habe – nach Aussage Levins mehr als drei Milliarden Dollar. Zudem habe Goldman Sachs eine ganze Reihe von „toxischen“ Wertpapieren (Fortius, Altius, Hudson Mezzanine) aufgelegt, die darauf spekulierten, Verluste zu produzieren. Für Investoren und Aktionäre, die eine Sammelklage gegen Goldman Sachs anstrengen, lieferte Levin neue Munition.

 

Taktische Blockade der Reform

Dass sich Blankfein als guter Samariter präsentierte, als spendabler Sponsor für karitative Zwecke, nutzte ihm wenig. Nebenbei leistete Goldman Sachs als Teil der Lobbying-Arbeit im großen Stil Wahlkampfhilfe für Demokraten wie Republikaner. Zahlreiche Ex-Politiker standen im Sold der Bank, ihr Ex-Chef Henry Paulson – Blankfeins Vorgänger – wechselte als Finanzminister in die Regierung von George W. Bush.

Mir einer PR-Offensive will die Bank jetzt auch die Finanzreform der Obama-Regierung zu Fall bringen. Die Republikaner haben einstweilen eine Debatte über eine Regulierung der Finanzmärkte blockiert und damit das Gesetz im Senat auf die lange Bank geschoben. Es ist wohl ein taktisches Manöver, um sich einen Kompromiss so teuer wie möglich abkaufen zu lassen.

AUF EINEN BLICK

Lloyd Blankfein. Der 54-jährige Chef von Goldman Sachs ist bisher als großer Sieger aus der Finanzkrise hervorgegangen. Die Bank produziert Rekordgewinne, kämpft aber seit der Klage der Börsenaufsicht SEC um ihren Ruf. Ein Senatsausschuss lud Blankfein und mehrere Mitarbeiter als Zeugen vor und konfrontierte sie mit neuen Vorwürfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2010)