Alpinismus: Gipfelsturm mit Schönheitsfehler

Die Südkoreanerin Oh Eun-sun bezwang als erste Frau alle 14 Achttausender. Ihre Methoden sind umstritten. Sie nimmt künstlichen Sauerstoff und lässt sich führen.

Wien/seoul.Auf dem letzten Gipfel hatte Oh Eun-sun sogar einen Kameramann dabei. Das südkoreanische Fernsehen übertrug die letzten Schritte auf den 8091 Meter hohen Annapurna live. Als die 44-Jährige pathetisch die Nationalflagge hisste, stand in ihrem Heimatland alles still. Menschen versammelten sich vor den Fernsehschirmen. Ein bisschen erinnerte das Schauspiel an die Mondlandung vor mehr als 40 Jahren.

Aber auch am 27. April 2010 wurde Geschichte geschrieben. Mit Oh Eun-sun bestieg die erste Frau alle 14 Achttausender, 24 Jahre nach dem Südtiroler Reinhold Messner. 1984 war es ein spektakulärer Zweikampf. Messner duellierte sich mit dem Polen Jerzy Kukuczka. Und beide Bergsteiger bekannten sich auch zu ihrem Wettkampf gegen die Zeit.

Diesmal war es sogar ein Vierkampf. Denn neben Oh Eun-sun sind auch die Spanierin Edurne Pasaban, die Italienerin Nives Merol und die Oberösterreicherin Gerlinde Kaltenbrunner auf dem Weg zu allen Achttausendergipfeln. Doch nur Oh Eun-sun gab offen zu, dass sie „einen Job zu erledigen“ habe. Worte, die Kaltenbrunner nie über die Lippen kämen. Die Krankenschwester lehnt es ab, als Teilnehmerin an einem waghalsigen Wettlauf gesehen zu werden. Ihr geht es darum, selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Ähnlich wie ihrer Freundin Pasaban. Die beiden distanzieren sich von den Methoden ihrer koreanischen Kollegin. „Mit eigenverantwortlichem Bergsteigen hat das nichts zu tun“, meint Kaltenbrunner.

Alpintouristin im Extrembereich

Kritische Beobachter sehen in Oh eine Alpintouristin im Extrembereich. Die Koreanerin bestieg acht ihrer Achttausender innerhalb von 14 Monaten. Und mancher Gipfelsturm ist umstritten. Etwa jener des Kangchendzönga. Zwei ihrer Sherpas dementieren bis heute, dass Oh auf dem dritthöchsten Gipfel der Erde gestanden ist. Als Beweis gibt es nur Fotos einer vermummten Person.

Doch am meisten wird kritisiert, dass Oh nicht wie Kaltenbrunner und Pasaban auf Fixseile verzichtet. Sie lässt sich führen, lässt sich den Rucksack tragen und nimmt künstlichen Sauerstoff zu sich. „Alles aus eigener Kraft“ lautet das von Reinhold Messner vorgegebene Credo. Oh Eun-sun muss sich den Vorwurf gefallen lassen, diesen Ehrenkodex des Alpinismus gebrochen zu haben.

Für die Südkoreaner sind solch ästhetische Details nebensächlich. Der Gipfelsturm wurde zur nationalen Angelegenheit stilisiert. Hinter Oh steht eine Medien- und PR-Maschinerie. Eine Maschinerie, die in den vergangenen Tagen auch gefährlich ungeduldig wurde. Oh hätte bereits am Wochenende die südkoreanische Fahne hissen sollen. Doch sie musste mit ihrem zehnköpfigen Team umdrehen. Der Wind und der starke Schneefall waren zu heftig gewesen.

Nicht umsonst gilt der Annapurna als einer der gefährlichsten Berge der Welt. Erst 155 Menschen haben seinen Gipfel erreicht. Die Zahl jener, die den Weg nach oben mit dem Tod bezahlt haben, ist bedeutend größer. Am Dienstag tat sich dann ein Zeitfenster auf. Das Wetter beruhigte sich. Oh nützte die Gunst der Stunde.

Während Oh Eun-sun in die Geschichtsbücher eingeht, nimmt Gerlinde Kaltenbrunner mit Ehemann Ralf Dujmovits die Nordwand des Mount Everest in Angriff. Es ist eine extrem schwierige Route und für ein Wettrennen völlig ungeeignet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2010)

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