Wir brauchen keine „Sieger“

Spät, aber doch, wird über eine Reform der Obsorge nachgedacht. Wir wünschen Glück – und hätten ein paar Bitten.

Überraschung war es ja keine: Seit Jahren steigt die Zahl der Scheidungen, weiß man, dass die Durchsetzung von Besuchsrechten schlecht funktioniert, und schon seit Jahrzehnten kann jeder aus der Statistik ablesen, dass uneheliche Kinder nicht die große Ausnahme sind. Warum es dann ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs gegen Deutschland brauchte, um über Lösungen nachzudenken? Gute Frage. Die man nur mit Polemik beantworten kann.

Aber genau die muss man hier, im emotional arg verminten Gelände, vermeiden und stattdessen nüchtern sagen: Gut, dass sich etwas tut. Das Justizministerium soll über die automatische gemeinsame Obsorge nach der Scheidung nachdenken – sofern es erklärt, wie das funktioniert, wenn sich die Partner nicht einig oder sie explizit dagegen sind. Die Legisten sollen auch die Benachteiligung unverheirateter Väter beleuchten – auch wenn man stark bezweifeln darf, ob hier eine gesetzliche gemeinsame Obsorge eine gute Idee wäre (denn wo beginnt der Anspruch auf Vaterrecht: beim One-Night-Stand?) Und ja, natürlich sollen manche Angelegenheiten besser Psychologen als Juristen lösen. Möge es in Zeiten, da Richter wegen Personalnotstands revoltieren, Geld für Schlichtungsstellen geben.

Vor allem aber sollen Politiker (wenn es sogar Journalisten versuchen) auf Polemik verzichten und bitte nicht versuchen, Siege an ihre Klientel zu verteilen. Weder an Väter noch an Mütter. Vielleicht gibt es so endlich einmal ein paar Gewinner.


ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2010)

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