Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Brand in Notre-Dame

Notre Dame in Flammen: Mit bis zu 1000 Grad Celsius wütete das Feuer.APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT

Elf Stunden wüteten die Flammen in dem französischen Nationalsymbol. Das Schlimmste - ein Einsturz der Kathedrale - konnte verhindert werden. Die genaue Brandursache ist weiter unklar.

Am Dienstag um kurz vor zehn Uhr kam die erlösende Meldung: Der Brand der Kathedrale von Notre-Dame sei nach elf Stunden komplett gelöscht. Am späten Montagabend war das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt in Flammen aufgegangen. Mit bis zu eintausend Grad Celsius wütete das Feuer auf dem Dach des gotischen Meisterwerks.

Die lodernden Flammen über dem 850 Jahre alten Gebäude, dessen Fertigstellung 200 Jahre dauerte, hatte nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt für Entsetzen gesorgt. „Unsere Dame der Tränen", titelte die Zeitung Le Parisien am Dienstagmorgen. „Das Herz in Asche", schrieb die römisch-katholische Tageszeitung „La Croix".

Doch wie kam es zu dem Brand und wie viel des Gebäudes ist zerstört? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was ist die Brandursache?

Die Staatsanwaltschaft schließt Brandstiftung weitgehend aus. Es ist aber nach wie vor unklar, was genau den Brand verursacht hat. Derzeit gibt es nur Spekulationen: Das Feuer könnte von dem Baugerüst am Dach der Kathedrale ausgegangen sein, das wegen Restaurierungsarbeiten aufgestellt worden war. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen fahrlässiger Brandstiftung ein und befragte noch in der Nacht die 15 verantwortlichen Bauarbeiter.

Der Direktor von Notre-Dame, Patrick Chauvet, wies Vorwürfe, es könnte Sicherheitsmängel beim Brandschutz gegeben haben, zurück. Brandaufseher hätten das Dach drei Mal täglich geprüft, auf Schweißgeräte sei verzichtet worden. Auch das bei der Restaurierung federführende Unternehmen betonte, alle Sicherheitsvorschriften eingehalten zu haben.

Dass sich das Feuer derart rasant ausbreitete, hat mit der Dachkonstruktion von Notre-Dame zu tun: Das Gerüst aus dem 13. Jahrhundert besteht aus 1300 Eichen. Kardinal Christoph Schönborn zog daher Parallelen zum Stephansdom-Brand 1945. Heute ist das Dach des Wiener Wahrzeichens jedoch auf eine Stahlkonstruktion gestützt.

Wie ist der Zustand des Gebäudes?

"Das Schlimmste konnte verhindert werden", sagte Staatschef Emmanuel Macron nach dem Unglück. Denn zwischenzeitlich war befürchtet worden, dass das gesamte Gebäude einstürzen könnte. Zwar sprach der Feuerwehrsprecher in der Nacht von „dramatischen Schäden“ - zwei Drittel des Dachs und ein Spitzturm wurden zerstört -, doch den rund 400 Feuerwehrmännern gelang es, die Grundmauern und die beiden markanten Türme der Kirche zu retten. Auch einen Absturz der tonnenschweren Glocken konnte so verhindert werden.

Denn der Fokus der Löscharbeiten war, die Struktur der beiden Türme zu schützen. Daher näherten sich die Feuerwehrmänner dem Gebäude von der Seite und setzten nicht - so wie US-Präsident Donald Trump es vorgeschlagen hatte - Löschflugzeuge ein.

Nach dem Löschen der letzten Brandherde am Dienstagvormittag geht es nun darum sicherzustellen, dass das Gebäude keinen weiteren Schaden nimmt. Zwar sei die Baustruktur weitgehend stabil, es seien jedoch einige Schwachstellen im Gewölbe und einem Giebel im nördlichen Querschiff entdeckt worden, sagte Innen-Staatssekretär Laurent Nunez. Der Giebel müsse deshalb abgesichert worden. Die Absicherungsarbeiten im Inneren der schwer beschädigten Kathedrale dürften rund 48 Stunden dauern. Bis dahin wurden Wohnhäuser in der unmittelbaren Nachbarschaft evakuiert.

Welche Kunstschätze sind betroffen?

Sorge galt außerdem den religiösen und künstlerischen Schätzen im Inneren der Kirche. Den Feuerwehrmännern gelang es unter Lebenseinsatz, einen Großteil der unbezahlbaren Stücke zu retten. Unter anderem eine der wichtigsten Reliquien der katholischen Kirche: die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll.

Verschont blieben außerdem die drei Fensterrosen, das Trio der repräsentativen Buntglasfenster über den drei Hauptportalen der Kathedrale. Auch die Orgel an der Westempore, mit fast 8000 Pfeifen eine der größten und bekanntesten der Welt, konnte gerettet werden. Unklar ist jedoch, wie es um die zwei weiteren kleinen Orgeln steht. Die in Notre Dame ausgestellten Ölgemälde dürften wasserbedingte Schäden aufweisen.

Wie soll der Wiederaufbau funktionieren?

Nach den Schrecken der Nacht blickt Frankreich wieder schnell nach vorne: Präsident Emmanuel Macron sicherte zu, das Wahrzeichen wieder aufzubauen. Es stehen bereits mehr 600 Millionen Euro für die Rekonstruktion bereit. So sagten die zwei bekanntesten französischen Luxusgüterkonzerne, Moet Hennessy - Louis Vuitton und Kering (Gucci, Saint Laurent, Baleciaga), ebenso wie der Ölkonzern Total und der Kosmetikkonzern L'Oreal Großspenden zu. Auch der Zusammenschluss der französischen Profifußballclubs versprach finanzielle Unterstützung.

Der Wiederaufbau der Kathedrale wird nach Einschätzung von Experten viele Jahre dauern. Doch, sagt der renommierte Wiener Kunsthistoriker Artur Rosenauer der „Presse", der Pariser Signaturbau sei Rekonstruktionen fast schon gewohnt.

Welche Bedeutung hat Notre-Dame für Frankreich?

Die Reaktion der Pariser sprach Bände: Mit Entsetzen beobachteten sie am Montag die brennende Kathedrale im Herzen der Hauptstadt, weinten, sangen und beteten für deren Fortbestand. Denn das Bauwerk hat nicht nur religiöse Strahlkraft. Es ist ein säkulares und kulturelles Symbol für Frankreich und dessen Geschichte: Notre-Dame erlebte die Evolution der französischen Republik, von der Revolution 1789 bis 1799 bis heute. Dort ließ sich Napoleon 1804 zum Kaiser krönen, ihre Glocken verkündeten am 24. August 1944 die Befreiung der Hauptstadt von der deutschen Besatzung. Und auch literarisch verewigt wurde das Bauwerk - im Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" von Victor Hugo.

Als „Epizentrum unseres Leben“ bezeichnete Präsident Macron Notre-Dame. Die Brandkatastrophe ist ein weiterer Rückschlag für die von Terroranschlägen und von den schweren sozialen Protesten der „Gelbwesten“ gebeutelte „Grande Nation“.

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