Finanznot: Griechenland bekommt Ramsch-Status

Griechenland in Finanznot
Griechenland in Finanznot(c) EPA (Orestis Panagiotou)
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Am Dienstagabend gaben die Börsen weltweit nach, als das Rating für griechische Staatsanleihen auf Ramschstatus gesenkt wurde. Auch portugiesische Anleihen wurden herabgestuft.

Die nochmals deutlich gestiegene Unsicherheit über die Zukunft Griechenlands hat die Rendite der zweijährigen griechischen Staatsanleihen am Mittwoch auf fast 25 Prozent getrieben. Die Papiere rentierten nach Angaben von Tradeweb kurz vor Start an den Aktienmärkten mit 24,4 Prozent.

Der von Investoren geforderte Risikoaufschlag für die zehnjährigen griechischen Anleihen lag bei 772 Basispunkten, die Papiere rentierten mit 10,567 Prozent.

Die Verzinsung einer Anleihe ist jener Zinssatz, den der Anleihengeber (z.B. Staat) zahlen muss. Ein vereinfachtes Beispiel: Eine 1000-Euro-Anleihe mit 4,5 Prozent Zinsen bringt jedes Jahr 45 Euro Zinsertrag.
Die Rendite berücksichtigt auch den Kurs, zu dem die Anleihe gekauft wurde; ist also das, was dem Anleihennehmer tatsächlich bleibt. Wenn die obige Anleihe also um 1010 Euro gekauft wurde, so verdient der Anleihennehmer 1000 (Nennwert) * 0,045 = 45 minus 10 (weil höherer Kurs) = 35 Euro, das entspricht einer Rendite von 4,446 Prozent (Berechnung: 45/1010). Er bekommt zwar die gleichen 45 Euro, musste aber mehr Kapital einsetzen --> die Rendite ist geringer.
Der Spread hingegen ist der Unterschied der Verzinsung zwischen einer Anleihe und einer Benchmark, in Europa oft die Verzinsung von deutschen Staatsanleihen. Er wird in Basispunkten (100 Basispunkte = ein Prozentpunkt) angegeben. Wenn also die Referenzanleihe 3,5 Prozent bringt und die zu berechnende 5,5 Prozent, so beträgt der Spread 200 Basispunkte oder 2,0 Prozentpunkte.

Angesichts einer weiteren Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands durch die Agentur Standard & Poor's auf Ramschniveau erhöht sich der Druck auf die deutsche Bundesregierung, rasch über mögliche Milliardenhilfen zu entscheiden. Die Regierung will heute das weitere Vorgehen abstimmen. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, sowie der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, sind zu Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) in Berlin. In einem Interview mit "La Tribune" sagte Strauss-Kahn, das vom Staatsbankrott bedrohte Griechenland müsse sich auf eine "schmerzhafte und schwierige" Lösung seiner Finanzprobleme einstellen. Der IWF hat angedeutet, Griechenland eventuell mehr Hilfe als die geplanten 15 Milliarden Euro zukommen zu lassen.

Da ein Staat nicht wirklich bankrott gehen kann, müssen die Gläubiger auf einen Teil der Rückzahlung verzichten. Die Abwicklung folgt über den "Pariser Club", der zwischen Gläubigern und dem bankrotten Land vermittelt. Im Normalfall ist eine solche Umschuldung mit weiteren internen Problemen im Land verbunden. Der Staat fällt teilweise als Auftraggeber und Arbeitgeber aus. Die Wirtschaftsleistung bricht ein.

Die asiatischen Börsen reagierten mit Kursverlusten. Auch die europäischen Börsen gaben bereits am Dienstagabend nach, als das Rating für griechische Staatsanleihen von der Ratingagentur Standard & Poor's auf das Ramschniveau "BB+" gesenkt wurde. Zusätzliche Besorgnis löste die Nachricht aus, dass auch das Euro-Land Portugal, das ebenfalls mit einem großen Defizit zu kämpfen hat, erneut herabgestuft wurde. Auch der Verkauf von spanischen Anleihen gerät ins Stocken. Experten warnen vor einer Kettenreaktion. Der Euro fiel zwischenzeitlich mit rund 1,3290 Euro auf einen der niedrigsten Stände seit einem Jahr.

"Stab über Griechenland ist gebrochen"

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Ulrich Blum, sieht in der Einstufung der Kreditwürdigkeit Athens auf "Junk" eine Vorentscheidung für eine mögliche Zahlungsfähigkeit. "Die Märkte sind offenbar zur Entscheidung gekommen, dass Griechenland anhand schlechter Fundamentaldaten die Schulden nicht mehr aus eigener Kraft zurück zahlen kann" sagte Blum dem MDR.

"Die Gläubiger müssen erkennen, dass die ganzen Ausleihungen von fast 200 Milliarden Euro nicht mehr einbringbar sind", sagte der Ökonom und kam zu dem Fazit: "Der Stab über Griechenland ist damit eigentlich gebrochen."

Deutsche Banken haben 30 Mrd. Euro verliehen

Alleine deutsche Banken haben mehr als 30 Milliarden Euro an Griechenland ausgeliehen, "Davon werden sie nicht viel wiedersehen", sagte Blum. "Es gibt eine Bank, Hypo Real Estate, die dabei sehr gut mitgemischt hat. Wenn die wieder 10 Milliarden Euro benötigt, dann ist es der Bundeshaushalt, aus dem das gezahlt wird." Negative Folgen für den Euro erwartet Blum dennoch nicht. Aber es bestehe - auch mit Blick auf Portugal die Gefahr eines Lawineneffektes.

Die Euro-Länder wollen - wenn Griechenland strenge Auflagen erfüllt - 2010 bis zu 30 Milliarden Euro Kredite geben - davon soll Deutschland 8,4 Milliarden Euro übernehmen. Der IWF soll bis zu 15 Milliarden beisteuern. Athen braucht bis spätestens 19. Mai an die neun Milliarden Euro, um Anleihen zu bedienen.

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt in einem Interview mit dem Handelsblatt, dass "wir Griechenland nicht fallen lassen". Er sagt, dass eine Umschuldung von Griechenland "von niemand, der in der Regierung ein Amt hat", gewollt sei.

"Rapport ins Kanzleramt"

In Deutschland wird dennoch unvermindert gefordert, dass auch deutsche Gläubigerbanken ihren Beitrag zur Rettung leisten. "Angela Merkel muss die Vorstände aller Banken, die am griechischen Desaster Geld verdient haben, zum Rapport ins Kanzleramt vorladen", sagte Grünen- Fraktionschefin Renate Künast dem "Hamburger Abendblatt" (Mittwoch) Es könne nicht sein, dass die Banken weiter zocken und sich an Griechenlands Notlage eine goldene Nase verdienen, sagte Künast.

Der Chef des Münchner ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, glaubt nicht, dass Griechenland Hilfen an Deutschland jemals zurückzahlen könnte. Sinn sagte MDR Info, die Regierung in Athen werde letztlich nicht in der Lage sein, den verlangten harten Sparkurs zu fahren. Auf politischem Wege werde dann mit von den Griechen und der anderen problematischen Länder ein Schuldenerlass von Deutschland verlangt. Sinn äußerte Verständnis für das Zögern der Bundesregierung bei der Hilfszusage. Wenn das Geld erst einmal bereit gestellt sei, "dann hat man kein Druckmittel mehr gegenüber Griechenland. Das macht die Bundesregierung absolut richtig".

Klage wegen Griechenland-Hilfe

Die Europäische Union braucht als Lehre aus der Griechenland-Krise nach Ansicht ihres für den Haushalt zuständigen Kommissars Janusz Lewandowski eine stärkere Flexibilisierung ihrer Ausgabenplanung. Dies sei nötig, um etwa um auf außenpolitische Entwicklungen und Krisen besser reagieren zu können, sagte Lewandowski der "Financial Times Deutschland" (Mittwoch).

Der deutsche Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider bekräftigte, dass er gemeinsam mit drei Mitstreitern eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht für den Fall vorbereitet, dass der Bundestag ein Gesetz zu Staatshilfen für Griechenland passieren lässt. "Sobald das Gesetz über die Griechenland-Hilfen durch den Bundestag ist, klagen wir", sagte der pensionierte Professor für Öffentliches Recht der "Mitteldeutschen Zeitung" (Mittwoch). Das EU-Recht sehe keinen Finanzausgleich wie bei Bundesstaaten vor, wenn ein Euro-Land in Probleme gerate, da die Europäische Union nur ein Staatenbund sei.

(Ag.)

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