Als das Wiener Parlament zum „Gauhaus“ wurde

Baustelle Parlament: wieder einmal.
Baustelle Parlament: wieder einmal.(c) Wolfgang Freitag

Was man aus der Geschichte des Theophil-Hansen-Baus fürs Heute lernen kann.

Baustelle Parlament. Fast ein gewohntes Bild. Und das nicht nur allerlei handfest materieller Sanierungsmaßnahmen halber, die der Theophil-Hansen-Bau in den bald 150 Jahren seit seiner Grundsteinlegung über sich ergehen lassen musste: sei's aus konservatorischen Gründen, sei's der Behebung von Kriegsschäden oder neuer Nutzungsweisen wegen. Auch das, was sich daselbst begab, wechselte im ziemlich flotten Marsch durch eine unziemlich volatile Geschichte etliche Male Form und Funktion. Vom Reichsrat einer alten Monarchie über die gesetzgebende Versammlung einer jungen Demokratie und diverse diktatorische Indienststellungen bis zum Wiedererstehen als Heimstatt demokratischer Gesetzgebung: So viel Wandel in so kurzer Zeit – das muss eine Architektur erst einmal aushalten.

Für einen jüngst bei Residenz erschienenen 450 Seiten starken Band haben sich Bertrand Perz, Verena Pawlowsky und Ina Markova die Geschichte des Parlamentsgebäudes von 1933 bis 1956 vorgenommen. Unter dem Titel „Inbesitznahmen“ findet da das große Ganze verschiedenster Neubestimmungen genauso Platz wie das scheinbar nebensächliche, oft fast skurrile Detail – etwa die mehrfache Umgestaltung, die den Adlern auf den Spitzen der Fahnenmasten widerfuhr.

Jenseits solch rein historischer Erkenntnisse lohnt die Lektüre allerdings auch mit unvermutet aktuellem Gewinn. Dass es ausgerechnet die Nationalsozialisten waren, die, kaum war Österreich „angeschlossen“, das Spruchband „Das Volk regiert“ an die Parlamentsfront hefteten, um das Gebäude selbst alsbald ins Gauhaus der NSDAP zu wandeln, darf uns dieser Tage Hinweis darauf sein, wie in Wahrheit zu verstehen ist, wenn heute aus manch politischer Richtung die Behauptung dröhnt, man spreche ja mit Volkes Stimme. Wo das Volk nur eine Stimme hat, dort hat es regelmäßig nichts zu sagen.

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