Ein Aufruf zur Einmischung bei sexueller Gewalt

(c) Peter Kufner

Sara Hassan und Juliette Sanchez-Lambert zeigen in ihrem online abrufbaren Leitfaden „It‘s Not That Grey“, woran man sexuelle Belästigung erkennt, wo sie beginnt und was man dagegen tun kann. Zum Beispiel laut sein.

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Wir erleben gerade eine Zeit, in der wir ziemlich gut und genau Einblick in die Mechanismen von sexueller Belästigung und Missbrauch bekommen. Dieses Jahr haben es schon zwei Dokumentationen, „Surviving R. Kelly“ und „Leaving Neverland“, geschafft, mit ihren schonungslosen Schilderungen von sexualisierter Gewalt die Öffentlichkeit zu erschüttern. Da wird gezeigt, wie Stars wie die Sänger Michael Jackson und Robert Kelly in ihren Imperien Gott spiel(t)en, wie sie niemand stoppt, wenn sie sich völlig skrupellos immer mehr Raum nehmen und ihre Macht missbrauch(t)en. Wir lernen, wie Täter ihre Opfer in ihren Einflussbereich ziehen, sich schrittweise in deren Köpfe arbeiten, ihren Willen brechen.

Das sind die prominenten Fälle, aber für Machtmissbrauch braucht es keine Superstars, sondern vor allem eines: ungleiche Verhältnisse. Und die gibt es überall: an Schulen, Unis, in Parlamenten, Kirchen, Konfliktzonen in humanitären Hilfsorganisationen, in Krankenhäusern, Freundeskreisen, Familien, in denen ein Mitglied das Haushaltsbudget kontrolliert. Die Täter gehen systematisch vor (in den analysierten Geschichten waren die Täter ausschließlich Männer). Und wenn man die Systematik aufmerksam zurückverfolgt, kann man die Anfangsmomente ausmachen. Das ist bei Geschichten über sexuelle Belästigung – bei denen es um nichts anderes als Machtmissbrauch geht – auch so: Sie biegen oft ähnlich ab und folgen gewissen Schemata. Und die Öffentlichkeit sieht zwar oft erst die höchsten Eskalationsstufen, aber irgendwo fängt es an.

Wo genau, das haben wir herausgefunden: Nach drei Jahren Arbeit in einem Brüsseler Frauennetzwerk wissen wir ziemlich genau, wie sich Belästigung anbahnt. Aus unzähligen Berichten über #MeToo-Momente, zunächst in und um die europäischen Institutionen, dann aus ganz Europa, ist „It's Not That Grey“ entstanden, ein Büchlein über die so oft bedauerte „Grauzone“ sexueller Belästigung. Wir haben Techniken festgehalten, die Belästiger so häufig anwenden, dass wir sie mittlerweile „Klassiker“ nennen. Und weil es (zu unserer eigenen Verwunderung) bisher kein öffentliches Wissen dazu gegeben hat, haben wir diesen Strategien erstmals Namen gegeben. Das soll es Betroffenen – und alle anderen – erleichtern, Belästigung frühzeitig zu erkennen und sich distanzieren zu können. Denn oft geben sich Betroffene die Schuld daran, wenn ihre Grenzen überschritten werden, fürchten, dass sie provoziert hätten, und versuchen, das Fehlverhalten des anderen herunterzuspielen. Würden Betroffene aber schon früh erkennen, dass das, was da vor sich geht, nicht normales soziales Verhalten ist, sondern Machtmissbrauch, müssten viele gar nicht erst in die Spirale hineingeraten, aus der man so schwer wieder herauskommt.

 

Gefahr im direkten Umfeld

Dieser Guide räumt auch mit Mythen rund um sexuelle Belästigung auf, die Betroffene oft in riskanten Situationen alleinelässt. Ein Beispiel: Bei der Präsentation des Textes haben wir die rund 100 anwesenden Frauen gefragt, ob sie Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn sie abends allein unterwegs sind: Freundinnen den Standort texten, das Handy mit einer Notfallnummer gezückt halten, den Schlüsselbund als Waffe in der Hand.

Alle Hände sind nach oben gegangen. Bei der Frage nach ähnlichen Maßnahmen bei der Arbeit, der Familie oder im Freundeskreis ging keine einzige Hand hoch. Und das ist Teil des Problems.

Weil Mädchen und Frauen eingetrichtert wird, dass die Gefahr „da draußen“ lauert, in Büschen und in dunklen Gassen. Wie sie sich schützen können, wenn sie der statistisch weit wahrscheinlicheren Gefahr in ihrem unmittelbaren Umfeld gegenüberstehen, lernen sie nicht. Und wie es beginnt, auch nicht. Wir alle können Bilder zu den krassen Ausprägungen von sexuellen Übergriffen problemlos abrufen. Jede/r kennt die Männerhand auf dem Frauenrock, ein Bild, das die meisten journalistischen Artikel über Belästigung am Arbeitsplatz ziert. Doch das, was davor passiert, ist unsichtbar.

Dabei gibt es klare Regelmäßigkeiten im Verhalten von Belästigern und gemeinsame Strukturen, die sich in zahllosen Geschichten wiederfinden.

 

„So ist er eben“

Zum Beispiel zünden Belästiger oft vor versammelter Mannschaft Testballons, mit denen sie vorfühlen, wie weit sie gehen können. Wenn niemand widerspricht, ist das die Genehmigung, für die nächste Grenzüberschreitung – dann aber vielleicht ohne Publikum. Diese bewirkt drei Effekte auf einmal. Erstens signalisiert sie der Betroffenen: Niemand hilft dir. Zweitens ist es eine Machtdemonstration: „Sieh her, so weit kann ich gehen.“ Und drittens zieht es die Umstehenden in die Logik des Belästigers: „So ist er eben“ ist dann die Entschuldigung, mit der Beschwerden achselzuckend abgewiesen werden. Wer darüber Bescheid weiß, wird das nächste Mal so ein Verhalten vielleicht nicht herunterspielen, sondern als das entlarven können, was es ist.

Ein weiterer Mythos: Bei sexueller Belästigung ginge es um Sex. In vielen der analysierten Geschichten kommen direkt sexuelle Momente erst sehr spät auf, nachdem ein Belästiger schon unendlich lang sein Netz aus psychischem Druck, Bedrängen und emotionaler Manipulation gewoben hat. Bis dahin gab es kaum irgendetwas nach außen hin Sexuelles – alle anderen Komponenten waren aber schon die ganze Zeit vorhanden und hatten den weiteren Eskalationsstufen Vorschub geleistet. Wer bei sexueller Belästigung aber bloß an Sex oder explizite sexuelle Übergriffe denkt, übersieht,was schon die ganze Zeit über vor sich geht: psychische Manipulation. Bei sexueller Belästigung geht es um Macht und Kontrolle. Wir müssen lernen, diese Zeichen richtig zu lesen und rechtzeitig einzugreifen, bevor es überhaupt so weit kommen muss.

Insofern ist der Guide auch ein Aufruf zur Einmischung. Er richtet sich explizit an Dritte, die angeblich Unbeteiligten. In unseren Geschichten wie in den Dokumentationen über R. Kelly und Michael Jackson schreitet unerträglich lang niemand ein. Im Gegenteil tragen unzählige Menschen aktiv und passiv dazu bei, dass die Täter gewähren können. Rückblickend betrachtet haben viele schon sehr früh ein übles Bauchgefühl. Trotzdem dauert es Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis Betroffene Hilfe bekommen und Dritte sich effektiv einschalten. In klassischen Szenarien, die auf echten Geschichten beruhen, schlüsseln wir die Systematik auf und liefern eine Anleitung zum Einschreiten. Die Hoffnung: Wer weiß, wohin die Geschichte führt, wenn niemand etwas tut, mischt sich beim nächsten Mal doch ein.

Der Guide „It‘s not that grey“ ist im Internet kostenlos abrufbar: https://periodbrussels.eu/guide 

Zur Autorin

Sara Hassan (* 1992) lebt und arbeitet in Brüssel. Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften und Philosophie in Wien und Brüssel. Nach drei Jahren Tätigkeit als politische Referentin für den Grün-Abgeordneten Michel Reimon im EU-Parlament ist sie seit Sommer 2018 Podcasterin und freie Journalistin. Im Rahmen des Brüsseler Frauennetzwerks Period hat sie mit Juliette Sanchez-Lambert „It's Not That Grey“ veröffentlicht.

E-Mails an: debatte@diepresse.com