Amanshausers Album: Wellness

Es ist kein Ende beim Wachstum des Angebotes abzusehen.
Es ist kein Ende beim Wachstum des Angebotes abzusehen.(c) APA/dpa-Zentralbild

Wieso mir Wellness wenig bedeutet und ich lieber irgendwo draußen in einem Eckcafé sitze.

Weil ich Reisetexte für diese Zeitung schreibe, erhalte ich täglich Werbetextangebote von Agenturen, Veranstaltern oder Hotels, und zwar „zur Veröffentlichung“, wie es so schön heißt. Meist sind es unbrauchbare Jubelmeldungen über diverse großartige Neuerungen mit Tourismusbezug, in die ihre Klienten oder sie selbst investiert haben. Kaum je konnte ich etwas davon tatsächlich verwenden. Sie als Leserinnen und Leser würden sich angesichts einer solchen Berichterstattung wohl mit dem zusammengerollten „Schaufenster“ selbst auf den Kopf dreschen.

Manchmal juckt es mich, den poetischen Stil dieser Pressetexte mit Noten zu bewerten oder ironisch hervorzuheben („Legen Sie Ihre von der Sonne geküsste Haut in den Sand“, „das kraftvolle
Trommeln der Zulu-Kämpfer belebt alle Sinne“), doch bei näherer Betrachtung ist diese Humorquelle meist unergiebig.

Eines der am intensivsten beworbenen Themen ist Wellness. „Wohltuende Wellnessbehandlungen, Massagen, Yogastunden, ein Innenpool mit türkischem Dampfbad zum Runterkommen vom Stress, ein Fitnessraum für Ihr Work-out!“ Ich persönlich habe bei Wellness immer ein schlechtes Gewissen, da ich diese „Gutheit“, die der Reisende sich selbst antun soll, nie so recht verstanden habe. Liegt es an meiner Freiberuflichkeit und daran, dass ich Aufenthalte in Hotels als interessant, notwendig, aber eben als Arbeit empfinde?

Mein Interesse gilt in erster Linie der Welt, der Destination – nur am Rande dem Hotel. Ich unterschlage die Wohltaten möglichst, lasse meine Gutscheine für Spa-Behandlungen verfallen, meine Reisegeschichten spielen nie in Unterkünften. In der Theorie habe ich allerdings eine gewisse Wellness-Expertise, musste schon hunderte Spas besichtigen, und ich kann berichten, es gibt schöne, hässliche, pompöse, karge. Die einen sehen wie Donald Trumps Wohnzimmer aus, in anderen fühlt man sich wie in der Gerichtsmedizin.

Allen ist gemein, dass ich sie nickend respektiere, dass ich es toll finde, wenn Menschen es schaffen, sich etwas Gutes anzutun. Ich selbst sitz lieber irgendwo da draußen in einem Eckcafé.

www.amanshauser.at

Buchtipp

Martin Amanshauser: „Es ist unangenehm im Sonnensystem“, Kremayr & Scheriau 2019