Salone del Mobile: Bitte, gebt uns ein Zeichen

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Auf dem Salone del Mobile in Mailand nahmen wieder alle Aufstellung: die Möbel und ihre Hersteller, die um weltweite Anerkennung ringen.

Achtung, Sinnbilder. Wenn vor zu viel Zeichen die Bedeutungen langsam verschwimmen, dann klammert man sich gern an leicht lesbare Symbole. Und die Leuchte „Lost“, die der Hersteller Magis auf dem Salone del Mobile in Mailand präsentierte, könnte fast programmatisch stehen für das Zeichenrepertoire, mit dem die Möbelhersteller wieder einmal die Welt überschütten wollten. Die Grammatik hinter dem Möbel: Weglassen, um noch besser verstanden zu werden.

Der Entwurf des italienischen Studios Brogliato Traverso forciert die Kontur und das Elementare. Ein Kreis und dazwischen – einfach nichts. Leere lassen statt reflexartig Leere füllen. Ganz so weit sind die Möbelhersteller und ihre Messestände noch nicht, dafür ist jeder Quadratmeter viel zu wertvoll. Oder: viel zu teuer. Aber eines scheinen viele schon allmählich zu verstehen: Die Komplexität braucht dringend Reduktion. Auch geometrische. Manche Geschichten kann man auch klarer erzählen. Oder einfach nur auf den Punkt bringen, oder auf ein paar Punkte: in gestalterischen Bullet-Points, die auch erzählen, was sie erzählen müssen. Selbstverordnete Einfachheit also, wie man sie etwa auch bei einer Neuheit von Cappellini ablesen kann: beim Sofa „Cap Martin Sunset“ von Carlo Colombo. Oder man borgt sich die klaren Geometrien von Orten, durch die die Mailänder in ihrem Alltag rauschen: vom Gestaltungskonzept der Metrostation Turati auf der Dreier-Linie. Luca Nicchetto hat sie in eine Kollektion des unkonventionellen spanischen Möbellabels Sancal geholt.

Kurvenlinien. Natürlich ist die Idee der einfachen Geometrien nicht bei allen gleichzeitig angekommen. Manche Neuheiten konterkarieren die Sehnsucht nach dem Wesentlichen. Auch weil ihre Designer nicht anders können. Der naturverliebte, sensible Gestalter Tord Boontje etwa schickt mit „The Sun the light of love“ Pathos in 390 Strahlen für Foscarini auf das Begleitevent des Salone, das sich dem Licht widmet, die „Euroluce“. Aber dem Prinzip Natürlichkeit, dem nähern sich zumindest auch die großen Hersteller inzwischen gern. Wie Minotti etwa. Im letzten Jahr bog ansatzweise der Kreis als bestimmendes Element in die Kollektion. In diesem Jahr zog der Artdirector Rodolfo Dordoni diese Linie weiter, als Kurven unterschiedlichster Radien. Manchmal dürfen sich diese sogar zum Kreis schließen. Oder als Spiraltreppe am Messestand manifestieren.

Die Klimax der Komplexität, sie scheint überschritten. Neue Technologie will man die Möbelnutzer ohnehin eher unterschwellig spüren lassen. Nicht so sehr als ästhetische Anmutung. Außer man heißt Philippe Starck und gestaltet für Kartell, ein vor allem auch materialtechnologisch getriebenes Unternehmen. Zum ersten Mal versucht sich dieses mit der Materialgrundlage von „Smart Wood“. Starck sorgte dabei für die Form und auch bei einem anderen Modell für die Geschichte: „A. I.“, einem Stuhl, den Kartell als ersten verkauft, den künstliche Intelligenz geschaffen hat. Gemeinsam mit dem Intellekt des Designers natürlich.

Kundenkontakt. Doch abseits dieser Ausrutscher versuchen viele Hersteller den Möbeln wieder Luft zu lassen. Für ganz einfache Wirkungen durch ganz einfache Formen. Oder Gesten, die so freundlich sind, dass man sie ebenso freundlich annimmt. Die häufigste davon, das hat sich schon in den letzten Jahren angebahnt: die Umarmung. Kaum ein neues Stück, dem die PR-Texte nicht Begriffe oder Namen wie „Hug“ oder „Embrace“ mit auf dem Weg geben. Gemeinsam mit ein paar Rufzeichen. Wie etwa solchen: Zurück zum Elementaren! Genug der Ausschweifungen! Denn im „Flow“ des Neugierig-auf-das-Neue-Starrens schwingt er schon längst mit – der „Overflow“. Mit dem man die Wahrnehmungswerkzeuge der Menschen notorisch überfordert. Alle Antennen halten tapfer der Flut entgegen und sind froh, wenn etwas hängen bleibt. Ein paar Anker dafür haben gerade die etwas kleineren Labels ausgeworfen, die sich mit intelligenten Konzepten Platz und Aufmerksamkeit erspielen, zuerst in den Messehallen, danach auf Instagram. Obwohl das gar nicht so leicht ist, wie man hört, den Platz auf der Messe überhaupt zu bekommen, wenn man nicht nach den Regeln der Großen spielt. Jene großen Möbelkonzerne, die noch größer werden. Dazwischen sind die etwas kleineren Labels tapfer bemüht, Größe zu bewahren. Möbelmanufakturen wie Wittmann aus dem Kamptal schaffen das, weil sie auch die richtigen Verbindungen eingegangen sind: Mit Gestalter Jaime Hayon etwa und seinem „Workshop“ ist eine Kollektion entstanden, die sich bestens in der Dichte der Dinge positioniert.

Oder auch das italienische Label Zilio Aldo & C, das zeigt, dass schlaue Möbel und kluge Kooperationen nicht den Überfluss an Quadratmetern Messestand brauchen: Unter den Richtungsentscheidungen der japanischen Artdirectors Yasuyuki Sakurai und Risa Sano des Designstudios Mentsen liefern sie schlichte Konzepte, die manche Möbeltypologien wieder auf den Boden der Realität herunterholen. Dafür beauftragten sie unter anderem auch das schwedische interdisziplinäre Studio Note, das auf einigen Messeständen ihre gestalterischen Spuren hinterließ. Für Zilio Aldo & C waren es ebenfalls Kurven: „Arkad S“, eine Sitzskulptur, die sich durch die Räume windet.

Lustfaktor. Eingetaucht in Styropor ist die Schau „Pleasure & Treasure“.
Lustfaktor. Eingetaucht in Styropor ist die Schau „Pleasure & Treasure“.(c) Beigestellt

Nebengeräusche. Der Salone del Mobile: ein riesiger Workshop für Datenverarbeitung. Auf der einen Seite die Hersteller. Sie möchten gern wissen, wer sie beachtet. Und wer die Neuheiten registrieren will, wird selbst registriert. Und schon ist man selbst ein Datensatz, der um die Welt geht. Wie die Bilder der Möbel. Oder der Ausstellungen. Dann, wenn die Daten in den richtigen Formen in die richtigen Köpfe gelangen. Ja, dann werden auch die Schlangen länger: Wie vor der Ausstellung „Pleasure & Treasure“, die von der Außenwirtschaft Austria organisiert wurde, um der österreichischen Möbelindustrie und Designszene so etwas wie Geschlossenheit nach Mailand mitzugeben. Das Ausstellungskonzept von Vasku & Klug hatte die ehemaligen Warteräume der königlichen Familie am Mailänder Zentralbahnhof mit Tausenden Styroporteilchen geflutet (siehe Kasten unten). Und in diese Fluten stürzten sich Tausende – wie die Instagram-Posts zeigten. Aber das war nur das Nebenrauschen der Mailänder Designwoche. Die Messehallen waren die Festplatte, die heiß lief unter den Datenmengen, die jetzt um die Welt gehen.

Warten wie die Könige

Zwei imposante Warteräume ließ sich die königliche Familie da einst installieren am Bahnhof Milano Centrale. Im Rahmen des Programms des „Fuori Salone“ wartete dagegen jetzt die ganz normale „Design-Crowd“. Und das noch dazu ziemlich lang. Denn längst hatte sich über die Designblogs verbreitet: Endlich darf man auch als Erwachsener ins Bällebad. Oder besser: eintauchen in einen Raum, den das Ausstellungskonzept des Designstudios Vasku & Klug nicht nur mit Dutzenden Möbeln und Objekten österreichischer Designer und Hersteller füllte, sondern auch mit Tausenden Styroporteilchen. Das bisschen Feinstaub auf den ausgestellten Stein-Waschbecken und Coffee-Tables, ach, ganz egal: Hauptsache, die Warteschlange riss nicht ab. Und nebenbei fiel noch ein wenig Aufmerksamkeit auch dafür ab, was denn da ausgestellt wurde. Zum Beispiel auch Luster-Neuinterpretationen der traditionellen Wiener Hersteller Bakalowits und Lobmeyr.