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Kim legt sich mit USA an, Moskau will davon profitieren

Im Oktober 2018 war US-Außenminister Pompeo (re.) in Pjöngjang bei Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zu Verhandlungen zu Gast.
Im Oktober 2018 war US-Außenminister Pompeo (re.) in Pjöngjang bei Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zu Verhandlungen zu Gast.APA/AFP/KCNA VIA KNS

Pjöngjang fordert, US-Außenminister Mike Pompeo von den Atomgesprächen auszuschließen. Kurz darauf erneuert Putin eine Einladung an Machthaber Kim.

Tokio/Pjöngjang. Kim Jong-un setzt erneut auf Konfrontation. Persönlich wohnte Nordkoreas Diktator dem Test einer „taktischen Lenkwaffe“ bei, die einen „mächtigen Sprengkopf“ abschießen könne, meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA am Donnerstag. Die Entwicklung der Waffe sei wichtig, „um die Kampfkraft der Volksarmee zu vergrößern“, soll Kim gesagt haben. Eine unabhängige Bestätigung für den Test gibt es bisher nicht, aber das Washingtoner Institut für strategische und internationale Studien (CSIS) beobachtete auch auf dem Atomgelände Yongbyon auffällige Aktivitäten.

Zugleich nimmt Nordkorea US-Außenminister Mike Pompeo ins Visier. Es fordert seinen Ausschluss von den bilateralen Atomgesprächen: Pompeo behindere den Erfolg. Sollte der Dialog wieder aufgenommen werden, verlange Pjöngjang einen „vorsichtigeren und reiferen“ Gesprächspartner. Pompeo traf mehrfach mit Topfunktionären des Regimes zusammen. Am Mittwoch aber wies er Kims jüngstes Gipfelultimatum zurück. Amerika lasse sich nicht unter Druck setzen. Kim hatte die USA wissen lassen: Er sei zu einem dritten Treffen mit Donald Trump bereit, wenn der US-Präsident bis Jahresende eine „mutige Entscheidung“ treffe.

Kim düpiert Südkorea mit Titelpolitik

Kim hat sich bei der konstituierenden Sitzung seines Parlaments vergangenes Wochenende beschwert, dass die USA Nordkorea mit einseitigen Forderungen zur Aufgabe des Atomprogramms zwingen wollten. Pjöngjang verdächtigt Washington, die Verhandlungen seit dem gescheiterten Gipfel von Hanoi im Februar zu verzögern, um das Atom- und Raketenprogramm auszuhebeln. Kim sei daher sehr verunsichert, meint der Geheimdienst in Seoul. Und auch der massive Wirtschaftseinbruch in Folge der US-Sanktionen beunruhige den Machthaber.

Überraschend legt sich Kim nun selbst mit seinem Nachbarn in Seoul an und provoziert Staatschef Moon Jae-in. Der Diktator lässt sich als „Oberster Repräsentant des gesamten koreanischen Volkes“ titulieren. Er wolle als alleiniger „Führer aller Koreaner“ anerkannt werden. Experten sind sich sicher: Es gehört zu Kims politischem Programm, die Wiedervereinigung der Korea-Halbinsel unter seiner Führung durchzusetzen.

Seit jeher ist das Spiel mit Titeln für die Kim-Dynastie eminent, um ihre Machtposition symbolisch zu überhöhen. In drei Generationen wird Nordkorea wechselweise von „großen“, „göttlichen“, „weisen“ oder „lieben“ Führern beherrscht. Gründervater Kim Il-sung galt zu Lebzeiten als „Sonne“, die Volk und Land mit Wärme und Weisheit bescheint. Seit seinem Tod trägt der älteste Kim den Titel Ewiger Präsident.

Kim Jong-uns eitle Anmaßung ist für die innerkoreanische Annäherung ein erhebliches Hindernis. Es ist ein Bruch mit der Vergangenheit: Bisher hatten Nordkoreas Diktatoren stets vermieden, ihren Machtanspruch über die gesamte Nation offen zu demonstrieren. Nicht nur, dass Moon eine doppelt so große Bevölkerung regiert, sein Land verfügt auch über mehr als das Zwanzigfache der Wirtschaftskraft des Nordens. Zudem warf Kim seinem südkoreanischen Konterpart vor, er trete gegenüber Donald Trump als „übereifriger Vermittler“ auf.

Trotz des Affronts drängt Moon weiter auf einen vierten innerkoreanischen Gipfel. Auf die „Kritik“ aus Pjöngjang ging Südkoreas Präsident daher mit keinem Wort ein. Denn schon sucht Nordkoreas anderer Nachbar, Russland, Nutzen aus Kims Konfrontationskurs zu ziehen: Just kurz nachdem Pjöngjang Pompeo am Donnerstag von weiteren Verhandlungen ausgeladen hatte, erneuerte Moskau seine Einladung an den Diktator. Kim werde Ende April in Russland erwartet, um Präsident Wladimir Putin zu treffen.[PE79I

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2019)