Aktionäre erzwangen Abgang von ABB-Chef

Noch vor zwei Monaten präsentierte ABB-Chef Ulrich Spiesshofer sein neues Konzept für den Konzern.
Noch vor zwei Monaten präsentierte ABB-Chef Ulrich Spiesshofer sein neues Konzept für den Konzern.(c) REUTERS (Arnd Wiegmann)

Aktivistische Aktionäre greifen immer öfter in das operative Geschäft von Unternehmen ein. Das musste diese Woche auch der ABB-Chef erfahren, der seinen Job verlor.

Wien. „It's time to say goodbye“ – mit diesen Worten vermeldete Ulrich Spiesshofer via Twitter seinen Rückzug. Wie berichtet, gab der ABB-Chef am Mittwoch überraschend seinen Rücktritt bekannt. Und die Aktionäre des Schweizer Industriekonzerns begrüßten diese Botschaft freudig. Das zeigte der Aktienkurs allzu deutlich. Kurz nachdem der Manager seinen Rückzug bekannt gegeben hatte, stieg die Aktie um 5,5 Prozent auf 21,21 Schweizer Franken.

Die Reaktion des Kapitalmarkts erstaunt auf den ersten Blick, schließlich scheidet Spiesshofer mitten in einer Umbruchphase des Konzerns aus. Noch vor wenigen Wochen präsentierte er sein Konzept von einer „neuen“ ABB und versuchte mit seinen positiven Zukunftsvisionen die Belegschaft zu begeistern. Doch den Verwaltungsrat dürfte Spiesshofer nicht überzeugt haben. Das Gremium entschied, sich lieber mit sofortiger Wirkung von seinem Vorstandsvorsitzenden zu trennen. Dabei hat der Verwaltungsrat noch gar keinen Nachfolger im Talon. Vorerst übernimmt dessen Präsident, Peter Voser, die operative Leitung des Unternehmens.

 

Aktionäre nicht zufriedenzustellen

Es ist nicht verwunderlich, dass der größte Aktionär des Elektronikkonzerns – die Familie Wallenberg hält über Investor AB insgesamt elf Prozent – die Neuigkeiten in einer offiziellen Mitteilung postwendend guthieß. Spiesshofer hat sein Ende nicht nur diesem, sondern auch anderen unzufriedenen Aktionären zu verdanken. Sie zeigten seit Längerem ihren Unmut über die Strategie und die schlechten Zahlen des Zürcher Konzerns.

Dabei hatte Spiesshofer viel versucht, um ihren Anforderungen gerecht zu werden. Er, der ABB immer als integrierten Technologiekonzern sah, rang sich schließlich sogar dazu durch, die Stromnetzsparte Power Grids an den japanischen Konkurrenten Hitachi zu verkaufen. Damit gab der 55-Jährige den Forderung des hoch aktiven schwedischen Investors Cevian Capital nach, der rund fünf Prozent der Anteile hält.

Der Deal bedeutet für ABB einen großen Einschnitt: Der verkaufte Teilbereich machte immerhin 30 Prozent des Konzernumsatzes aus und beschäftigte Tausende Mitarbeiter. Doch Spiesshofer kündigte an, die acht Milliarden Dollar, die der Deal gebracht hatte, bis 2020 an die Aktionäre auszuschütten, und hoffte damit, sie zu besänftigen.

Sein Plan ging nicht auf: Der Fonds Cevian steht nämlich selbst gehörig unter Druck. Die Schweden sind nicht nur bei ABB, sondern auch bei dem Industriekonzern ThyssenKrupp und bei dem Industriedienstleister Bilfinger investiert. Doch nirgends entwickeln sich die Beteiligungen so wie erhofft. Fondschef Lars Fröberg, der einen Sitz im ABB-Verwaltungsrat hat, soll der stärkste Treiber für den Abgang Spiesshofers gewesen sein. Statt sich für getane Arbeit bei ihm zu bedanken, teilte Fröberg nur mit: „Wir unterstützen die strategische Neuausrichtung von ABB und haben volles Vertrauen in Peter Voser und das Managementteam, die Transformation von ABB umzusetzen.“

 

Der Druck wird nicht weniger

Ruhe wird bei ABB aber auch in Zukunft nicht einkehren. Dafür sorgt neben Cevian auch noch ein anderer aktivistischer Konzern, der US-Investor Artisan. Er gibt sich mit dem Verkauf der Stromnetzsparte nicht zufrieden, sondern forciert noch eine weitere Aufspaltung des Konzerns. ABB solle sich noch in mindestens zwei weitere Geschäftseinheiten teilen, sagte der Artisan-Fondsmanager kürzlich der Zeitung „Finanz und Wirtschaft“. Genau dafür wäre Spiesshofer aber nicht zu haben gewesen.

Wie sich der interimistische ABB-Chef Voser verhalten wird, ist derzeit noch offen. Als sicher gilt, dass der Verwaltungsratsvorsitzende selbst keine Ambitionen hat, auf Dauer die Doppelfunktion auszufüllen. Er kennt den Konzern in- und auswendig und weiß, früher oder später wird auch er unter dem Druck der Aktionäre zu leiden haben.