David Lama, der Superstar der Berge

David Lama 2014 bei der Premiere des Films über seine Begehung des Cerro Torre
David Lama 2014 bei der Premiere des Films über seine Begehung des Cerro Torre(c) Andreas Lepsi / picturedesk.com (Andreas Lepsi)

Für David Lama besteht keine Hoffnung mehr, eine Lawine riss den Tiroler wohl in den Tod. Der 28-Jährige war der beste Bergsteiger seiner Generation – und ein Meister darin, sein Tun zu transportieren.

David Lama vereinte eine geradezu schüchterne Zurückhaltung mit schier unbegrenztem Selbstbewusstsein. Der Tiroler mit den nepalesischen Wurzeln galt als das Nonplusultra des Alpinismus, ein einstiges Kletter-Wunderkind, das den Weg ins Hochgebirge wählte – und auch dort begeisterte. Aus dem erst 28-Jährigen sprach die Erfahrung eines langen Bergsteigerlebens, ein Leben zwischen senkrechten Wänden und Todeszone. Auch wenn es nach Klischee klingt, das Bergsteigen war seine Berufung, die Gefahr sein ständiger Begleiter. „Das Risiko, das man einzugehen bereit ist, spiegelt die Überzeugung vom eigenen Tun wider“, erklärte er einmal im „Presse“-Gespräch.

Am Mittwoch wurde Lama in den kanadischen Rocky Mountains mit allergrößter Wahrscheinlichkeit von einer Lawine in den Tod gerissen. An seiner Seite verunglückten auch der Ötztaler Weltklasse-Kletterer Hansjörg Auer, 35, und der bekannte US-Bergsteiger Jess Roskelley, 36. Der kanadische Nationalparkdienst bestätigte, dass drei Kletterer versucht haben, die schwierige Ostwand des Howse Peak (3295 m) im Banff-Nationalpark zu besteigen. Aus der Luft seien mehrere Lawinenkegel zu erkennen gewesen, außerdem Kletterausrüstung. Eine Bergung war aufgrund der großen Lawinengefahr bis Freitag nicht möglich. „Parks Canada spricht den Familien, Freunden und geliebten Menschen der Bergsteiger aufrichtigstes Beileid aus“, hieß es in einem Statement. Lamas Familie erklärte: „Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." 

Archivbild vom 29. April 2016: Hansjörg Auer (links) und David Lama in Nepal.
Archivbild vom 29. April 2016: Hansjörg Auer (links) und David Lama in Nepal.APA / David Lama / Red Bull Content Pool

Lama war ein Meister dessen, was in der Welt des Alpinismus in Vorträgen, Interviews und Postings zelebriert wird: Das Bergsteigen als kreativen Prozess zu transportieren, die eigene Kletterei philosophisch zu untermauern, mitunter auch zu überhöhen. „Wie ein Künstler auf einem weißen Blatt Papier“, stehe er vor einer Felswand, erzählte Lama. „Klettern ist nur die Übertragung von einer Idee in deinem Kopf auf den Berg. Das ist für mich auch das Schönste am Bergsteigen.“

Die Kontroverse

Begonnen hat seine Bergsteigerkarriere aber mit einem Skandal. Nachdem der Sohn einer Innsbruckerin und eines nepalesischen Bergführers schon im Kindesalter als eines der größten Klettertalente galt (Himalaya-Legende Peter Habeler war sein Förderer) und schon als Jugendlicher in seiner ersten Weltcupsaison Bewerbe im Bouldern und Vorstieg gewann, sah Lama in der Halle bald keine Ziele mehr. „Richtiges Klettern ist für mich am Fels“, sagte er.

Sein erstes großes Projekt sollte die Erstbegehung des Cerro Torre (3128 m) im äußersten Süden von Argentinien im Freistil werden. Weil für sein Kamerateam die Wand aber mit Haken und Fixseilen versehen wurde, hieß es, Lama betreibe „Show-Alpinismus“. Vom Hochmut eines 19-Jährigen war die Rede, auch Moralinstanz Reinhold Messner zürnte. Drei Jahre später kletterte Lama die berüchtigte „Kompressor-Route“ am Cerro Torre dann erstmals frei und ohne Hilfsmittel. Messner staunte, der Nimbus der Bergsteigerlegende war ihm fortan sicher.

Tief betroffen zeigte sich der Südtiroler, 74, nun über Lamas Schicksal. „Bergsteigen in dieser Dimension ist faszinierend. Aber es ist auch schwer zu vertreten“, gab sich Messner nachdenklich. Auch der inzwischen 76-jährige Habeler, der mit Lamas Hilfe 2017 noch einmal die berühmte Heckmair-Route durch die Eiger-Nordwand geklettert war, erklärte: „David war eine Ikone.“

Erstbesteigungen als größtes Abenteuer

Aber nicht nur wegen seiner Leistungen, auch dank Sponsor Red Bull und zahlreicher Filmprojekte war Lama der Superstar unter den Bergsteigern. Spektakuläre Bilder sei er aber überhaupt niemandem schuldig, stellte er vor seinen Projekten klar. Schließlich hatte er den Wettkampftrubel des Sportkletterns ganz bewusst gegen die Einsamkeit im Hochgebirge getauscht. Aber: „Es reizt mich schon, zu überlegen, wie ich meine Abenteuer erzählen kann.“

Die größten Abenteuer waren für Lama die Erstbesteigungen – der wahre Kern des Bergsteigens, wie er meinte. Dafür verbrachte er in den vergangenen Jahren auch viel Zeit in Nepal, der Heimat seines Vaters. Im vergangenen Herbst gelang ihm dort im Alleingang die Erstbesteigung des Lunag Ri (6895 m). Zwei Versuche hatte er zuvor abbrechen müssen, unter anderem weil sein Kletterpartner, der US-Amerikaner Conrad Anker, beim Aufstieg einen Herzinfarkt erlitten hatte. „Eine der intensivsten Zeiten, die ich je an einem Berg verbracht habe“, sagte Lama nach seinem letzten großen Erfolg.

Rund ein halbes Jahr später trauert die Alpinistenszene um einen ihrer größten Söhne. David Lamas Vermächtnis sind seine Linien, die er in die Wände dieser Welt geklettert hat. „Für mich geht es um diese Linien. Darum, meine Vorstellung von ihnen auf die Wahrheit zu überprüfen. Das ist etwas Schönes, Bestehendes, auch über das eigene Leben hinaus.“

Rocky Mountains
Rocky MountainsDie Presse, GK

>> „Presse"-Interview mit David Lama aus dem Jahr 2016: „Das Risiko spiegelt die eigene Überzeugung wider“

>> Das Statement der Eltern auf der offiziellen Webseite von David Lama