Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen

Mit Physik wollen Wiener Forscher die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft genau bestimmen.
Mit Physik wollen Wiener Forscher die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft genau bestimmen.(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

Wirtschaft: Ein physikalisches Modell überholt ökonomische Modelle in der Vorhersagegenauigkeit.

Warum brauchten Volkswirtschaften so lang, um sich von der 2008er-Rezension zu erholen? Welche Auswirkungen haben die von Donald Trump eingeführten Zölle auf Stahl und Aluminium auf die Produktion in der EU? Diese Fragen kann ein neu entwickeltes digitales Werkzeug aus Wien beantworten, wie die Forscher um Stefan Thurner vom Complexity Science Hub (CSH) im Fachjournal Nature Communications (11. 4.) veröffentlichten.

Die Komplexitätsforscher nahmen für diese ökonomischen Berechnungen Anleihen bei der klassischen Physik: Hier erklärt die „Linear Response Theory“ wie elektrische oder magnetische Substanzen auf starke elektrische oder magnetische Felder reagieren. „Wir wenden diese Theorie nicht für Materialeigenschaften an, sondern für ökonomische Netzwerke“, erklärt Erstautor Peter Klimek, Med-Uni Wien. So könne man die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft genau bestimmen – weit besser als mit herkömmlichen ökonomischen Modellen, wie der Vergleich mit Daten aus 56 Industriesektoren in 43 Ländern aus den Jahren 2000 bis 2014 zeigte.

Eine Wirtschaftskrise wie 2008 versetze das System in einen Schockzustand, dessen Folgen in Wellen auftauchen – so wie ein Stein im Wasser Wellen verursacht. „Wir können nun sichtbar machen, wie ein Schock an einem Ende der Welt die Produktion einer bestimmten Industrie am anderen Ende der Welt beeinflusst“, sagt Stefan Thurner. Das neue Modell zeigt beispielsweise, dass die im Juni 2018 eingeführten Trump-Zölle die Automobilindustrie in Deutschland ankurbeln werden, während die Elektrizitätsproduktion abnehmen wird. (vers)


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