Österreichs größte Bibliothek hat 70 neue Leseplätze. Die Chefin der Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, bleibt bis 2016. Der Bau des Tiefspeichers muss warten.
WIEN. „Meine Damen und Herren, verzeihen Sie die kurze Störung.“ So begrüßt die Chefin der Nationalbibliothek am Mittwoch ihre „Kunden“, die Leser, über die Lautsprecheranlage des Hauses. „Mein Name ist Johanna Rachinger“, spricht sie weiter. „Ich möchte Sie einladen, sich unseren neuen Lesesaal anzusehen, der ab morgen offiziell geöffnet hat.“ Auch zu Kaffee und Kuchen lädt sie ein – alles in allem eine ungewöhnliche, wenn auch willkommene Störung für das großteils studentische Lesesaalpublikum an diesem Vormittag.
Genau jenes soll wissen, dass ab Donnerstag ein weiterer, der 17., Lesesaal im Haus geöffnet hat: der „Austriaca“-Saal. Über ein Jahr wurde der 259 Quadratmeter große Raum auf zwei Ebenen saniert (Klimaanlage, Schallschutzwände, WLAN-Station). Man habe einen weiteren Lesesaal benötigt, sagt Rachinger, um dem Besucherandrang Herr zu werden. Vor allem durch die seit Juli erweiterten Öffnungszeiten (Mo–Fr: 9–21h, Sa: 9–21h auch während der Sommerferien) seien die Besucherzahlen im Quartalsvergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gestiegen.
Stiefkind Völkerkundemuseum
Den neuen Saal hat man allerdings jemandem entrissen. Dem benachbarten Völkerkundemuseum, das selbst unter eklatantem Platzmangel leidet. Dass der burggartenseitige Saal, der mit einer Freihandbibliothek aus derzeit 3000 Bänden an Austriaca (daher der Name) ausgestattet wurde, dem Museum „entzogen“ wurde, bezeichnet Bildungsministerin Claudia Schmied eine „Frage der Prioritätensetzung“. Der modernst ausgestattete Lesesaal (Gesamtkosten: 1,9 Mio. Euro) biete nun weiteren 70 Lesern Platz (insgesamt 640). Schmied gab am Mittwoch zudem bekannt, dass Johanna Rachinger weitere sechs Jahre bis 2016 Chefin der Nationalbibliothek bleiben werde. Kurz gesagt: Es gab doppelten Grund zum Feiern. Aber es hatte fast den Anschein, als wolle man damit von einer nicht ganz so positiven Sache ablenken: Der dringend benötigte Tiefspeicher, der das Platzproblem für jährlich mehrere tausend neu aufzunehmende Bücher für zumindest 70 Jahre lösen würde, muss warten.
Die Gesamtkosten dafür betragen rund 60 Mio. Euro. „Das sprengt bei weitem die Mittel des Unterrichtsministeriums“, so Schmied. „Hier braucht es klar Sondermittel.“ Sondermittel, die in budgetär angespannten Jahren nicht vorhanden sind. Rachinger werde bis Spätsommer Alternativvorschläge ausarbeiten. Bis der Finanzminister Geld für den Tiefspeicher freigibt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2010)