Ganz Wien als Wimmelbild

Giovanni Jussi hatte die Idee, aus dem Kinderbuch ein Stadterlebnis zu machen.
Giovanni Jussi hatte die Idee, aus dem Kinderbuch ein Stadterlebnis zu machen.(c) Valerie Voithofer

„Wo ist Walter?“, fragen sich Giovanni Jussi und Maria Spanring. Gemeinsam mit dem GPS Maria machen sie sich in der Stadt auf die Suche.

Manchmal stellt man einfach die falschen Fragen. „Wer ist Walter?“ ist so eine. Wichtig sei nicht, wer er ist, sagt Giovanni Jussi, sondern: wo?

„Wo ist Walter?“, das ist eigentlich eine international bekannte Kinderbuchreihe des Briten Martin Handford. Genau genommen sind es Wimmelbücher: Sie enthalten Bilder, in denen es vor lauter Details nur so wimmelt: Stadtszenen, Jahrmärkte oder überfüllte Strände, in denen irgendwo Walter steckt. Er selbst, erzählt Giovanni Jussi, habe die Bücher selbst am liebsten am Strand verwendet und mit seiner Schwester im Urlaub jedes Jahr wieder nach der rot gekleideten Figur mit Mütze gesucht.

Nun kann man in Wien tatsächlich auf die Suche nach Walter gehen. Gemeinsam mit dem Dschungel Wien hat Giovanni Jussi die ganze Stadt zum Wimmelbild erklärt. Geleitet wird man auf der Suche via Kopfhörer. Die Stimme im Ohr stellt sich als GPS-System namens Maria vor und lässt einen zum Test einmal nach oben und unten, rechts und links schauen. Schon da merkt man, wie sich die Wahrnehmung verändert. Ist die Familie mit Baby schon vorher neben einem gesessen? Dann soll man den Nebenstehenden küssen. Oder doch nicht, „Scherz“, sagt Maria. Nicht nur Autofahrer sollten ihrem Navi nicht alles glauben.

 

Ein Schwarm mit Kopfhörern

Durch den Hof des Museumsquartiers geht es Richtung Heldenplatz, passende Musik und die Stimme des GPS im Ohr. Jussi nennt das Format eine „Walking-Performance“. Drei Schauspieler sind mit unterwegs, „sie kann man sehen oder auch nicht. Es ist kein Stück.“ Jedenfalls kann man sie hören: Im Volksgarten taucht etwa ein in der Wiese tanzendes Pärchen auf. Wie ein Voyeur kann man sie aus der Ferne beobachten und dank der Kopfhörer ihre intime Unterhaltung belauschen.

Wichtig sei ihm dabei, sagt Jussi, dass die Schauspieler nicht wie Schauspieler, sondern wie normale Menschen wirken. Das wiederum stellt die Darsteller vor Herausforderungen: Wie die Aufmerksamkeit der Teilnehmer inmitten der Touristenmassen am Kohlmarkt erregen, ohne dass es auch alle anderen Menschen merken?

Auch der Schwarm mit Kopfhörern, der da unterwegs ist, fällt selbst durchaus auf. Schon bei den Probedurchläufen und wohl erst recht, wenn die Gruppe ab nächster Woche bis zu 50 Leute umfassen wird. „Wie ein Flashmob“ werde es wirken, prophezeit Jussi. Erst recht, wenn auf Anweisung von Maria, dem GPS, alle aus der U-Bahn hüpfen. Erfahrungen dazu hat Jussi schon mit früheren Stücken gemacht. Je genauer die Anweisung, desto unbefangener würden Teilnehmer mitmachen, so seine Beobachtung.

Die Besitzerin der Stimme heißt übrigens wirklich Maria: Maria Spanring hat es staubedingt nicht auf das Foto geschafft. Sie bildet mit Jussi gemeinsam das Duo Twof2: zwei von zweien, die sich gemeinsam schon früh auf Performances für ein junges Publikum spezialisiert haben. Kennen gelernt haben sich der Mailänder und die Oberösterreicherin noch während ihrer Studienzeit in der Schweiz. Er kam aus der Performancebewegung, sie aus dem Prosatheater. Seit 2008 arbeiten sie zusammen. Basis ist Wien, tätig sind die beiden aber in ganz Österreich, der Schweiz und nun auch in Luxemburg. Dort hat in drei Wochen eine lokale „Walter“-Version Premiere, danach wandert er nach Bern.

So simpel die Spaziergänge wirken, so kompliziert ist übrigens die technische Arbeit dahinter. Während der Tour ist Jussi mit Rucksack und Tablet mit unterwegs, um alles genau zu steuern. In Wahrheit, sagt er, gehe es natürlich weniger um die Suche nach Walter als um die Gelegenheit, „sich einmal auf die Stadt zu konzentrieren“. Walter könne ein Baum sein, ein Tisch oder ein Fremder. Jemandem auf der Straße in die Augen zu schauen oder ihn anzusprechen, „ohne sich zu fürchten“, das könne im Zuge des Spaziergangs wirklich passieren, sagt er. Die typische Großelternwarnung, sich vor Fremden zu hüten, hält er für problematisch. „Natürlich muss man vorsichtig sein, aber ich bin nicht sicher, ob Fremde wirklich immer schlechte Menschen sind.“

Gedacht ist die Tour für ein Publikum ab zehn, mit ihrem Humor macht sie aber auch Erwachsenen Spaß. Ende der Reise ist in der Spittelau. Ob man Walter bis dahin gefunden hat, ist beinahe nebensächlich. GPS Maria nicht mehr im Ohr zu haben, das ist indes wirklich ein bisschen schade.

AUF EINEN BLICK

Giovanni Jussi und Maria Spanring haben sich als Duo Twof2 auf Performances für ein junges Publikum spezialisiert. Der Mailänder und die Oberösterreicherin leben zwischen Wien und Bozen und arbeiten seit 2008 zusammen. „Wo ist Walter?“ ist eine Walking-Performance in Kooperation mit dem Dschungel Wien. Gedacht für Teilnehmer ab zehn, macht man sich dabei gemeinsam mit Kopfhörern auf eine 105-Minuten-Reise durch die Stadt. Neun Termine ab 25. April.

Web: www.twof2.com