Der Warenkorb seit dem Mittelalter

Dieses Rechnungsbuch von 1649 zeigt die Einträge zum Einkauf von Korn im Salzburger Bürgerspital.
Dieses Rechnungsbuch von 1649 zeigt die Einträge zum Einkauf von Korn im Salzburger Bürgerspital.Stadtarchiv Salzburg

Anhand der Rechnungsbücher aus Bürgerspitälern zeichnen Salzburger Forscher die Entwicklung von Preisen und Löhnen seit 1450 nach. Wann wurden „Kraut und Rüben“ teurer?

Wo in Salzburg einst das Bürgerspital war, tummeln sich heute Kinder im Spielzeugmuseum. Hier haben jetzt die Kleinsten – bei bester Gesundheit – Spaß, wo früher die ältesten und armen Leute die letzte Phase ihres Lebens verbrachten. Die seit dem Mittelalter bestehenden Bürgerspitäler waren strikt geführte Organisationen, die genau Buch führten über Einnahmen und Ausgaben.

Diese Sammlungen an Rechnungsbüchern sind heute ein Schatz für die Forschung, der in Salzburg erstmals entstaubt wird. Reinhold Reith vom Fachbereich Geschichte der Uni Salzburg wertet im Team mit Andreas Zechner und Elias Knapp die darin steckenden Informationen aus, gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF: „Die Aufzeichnungen beginnen im Bürgerspital Salzburg 1477 und belegen eine sehr moderne Wirtschaftsführung. Die Quellen, auch für das Bruderhaus St. Sebastian in der Linzer Gasse, finden wir hauptsächlich im Stadtarchiv Salzburg.“ Die Forscher sehen im Vergleich zu den bereits aufgearbeiteten 21.000 Einträgen der Haushaltsbücher der Salzburger Kaufmannsfamilie Spängler aus dem 18. Jahrhundert, dass auch die großen Spitäler normale Marktpreise bezahlten.

 

Zahlungen an Mägde und Ärzte

Der Fokus dieses FWF-Projekts ist nicht nur auf Salzburg gerichtet, ein Team um Thomas Ertl und Erich Landsteiner vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien wertet zugleich die Rechnungsbücher der Bürgerspitäler in Wien und Klosterneuburg von 1450 bis 1850 aus, die im Wiener Stadt- und Landesarchiv aufbewahrt werden.

Der Vergleich mit der wachsenden Haupt- und Residenzstadt zeigt, dass Wien über den Donauhandel stark in verschiedene Märkte eingebunden war. Salzburg, die kleinere Mittelstadt und Zentrum des geistlichen Fürstentums, war hingegen viel stärker abhängig von den umliegenden Regionen. Die Wirtschaftssituation dieser Städte wird jetzt detailreich nachgezeichnet: „Die Bücher belegen die Preise über alle Einkäufe, die Löhne der verschiedensten Berufe, wie Mägde und Köchinnen, und Zahlungen an Ärzte, Bader, Schreiber, Handwerker bis hin zum Totengräber“, erklärt Reith.

Frühere Studien nahmen meist nur den Getreidepreis oder die Löhne von Bauarbeitern als Datenbasis für die Erhebung ökonomischer Schwankungen. „Wir gehen weit darüber hinaus. Denn die Frage ist, was essen die Leute, wenn das Getreide knapp wird“, sagt Reith. Wie entwickeln sich die Preise der alternativen Nahrungsmittel und die Löhne verschiedener sozialer Gruppen im Lauf der Zeit? Die Antwort steckt in den Rechnungsbüchern der Bürgerspitäler, die fast alles auflisten, was bis heute zum Warenkorb gehört, der als Preisindex Teuerungen und Inflationen anzeigt. „Wir erheben die Daten zu Kraut und Rüben, im wörtlichen Sinn. Auch Linsen, Grieß, Eier, Schmalz, Speck, Fleisch und Brennholz gehören dazu.“

 

Naturallohn versus Geldlohn

Mit den qualifizierten Warenkörben prüfen die Forscher, ob die These der „Great Divergence“ Bestand hat. Der vom US-Historiker Kenneth Pomeranz geprägte Begriff besagt, dass ab dem 17. Jahrhundert Nordwesteuropa die restliche Welt in der Wirtschaftsleistung überholt und abgehängt hat. „Die These bezieht sich vor allem auf Daten aus Großbritannien und den Niederlanden. Aus der Alpenregion und dem östlichen Europa liegen bisher keine vergleichbaren Zeitreihen vor“, so Reith, der die Forschungslücke schließen will.

Die letzte große Preisniveau-Studie aus Österreich wurde 1936 publiziert. Es geht in dem Projekt um die Frage des Lebensstandards: Was verdienten die Menschen, und wofür gaben sie Geld aus? „Weil das Personal im Bürgerspital auch Verpflegung erhielt, können wir diesen Naturallohn mit dem Geldlohn vergleichen“, betont Reith.

Gerade in Krisenzeiten, wenn Essen teurer wurde, stieg der Wert des Naturallohns. Ein Aspekt, der in dem bis 2020 laufenden Projekt erstmals sichtbar gemacht wird: „In Salzburg hatte der Naturallohn höhere Bedeutung als in Wien.“

Die beforschte Zeitspanne vom 15. bis ins 19. Jahrhundert umfasst klimageschichtlich auch die Kleine Eiszeit. Reith: „Die Ungunstphasen und Problematik der Missernten wollen wir hoch aufgelöst darstellen, etwa die Hungerkrisen um 1740, 1772/73 oder 1816/17: Welche Rechnungsposten steigen, nachdem die Getreidepreise gestiegen sind?“

Reis etwa kam in der 1770er-Krise ins Land, war aber nicht billiger als anderes Getreide. Im 18. Jahrhundert verschwand langsam Fisch von der Speisekarte: „Frischer Fisch war zu teuer, nur Stockfisch blieb im Angebot.“

LEXIKON

Ein Bürgerspital war seit dem Mittelalter eine Art Altersheim für die Bürger der Stadt. Die medizinische Versorgung gewann erst in der frühen Neuzeit an Bedeutung. Was heute Spital heißt, wurde damals Lazarett genannt, bevor die Bezeichnung Krankenhaus aufkam.

 

The Great Divergence (Das große Auseinanderklaffen) besagt als These, dass Nordwesteuropa nach dem Mittelalter den Rest der Welt wirtschaftlich und sozial überholt hat.