Zeichen der Zeit

Michael Köhlmeier: Wenn ich „wir“ sage

Wer zählt zu meinem Wir – und wer nicht?
Wer zählt zu meinem Wir – und wer nicht?Teich / Caro / picturedesk.com

Eine Eigenart meiner Kindheit bestand darin, dass ich mit Dingen redete. Mit meinem königsblauen Samtpullover oder mit jedem meiner Buntstifte. Von der Freundschaft: eine Nachschau in der eigenen Vergangenheit – und bei Ralph Waldo Emerson.

Ralph Waldo Emerson kann bisweilen ein unbequem verquerer Denker sein, der mit Schmeichelstimme verspricht, uns beizustehen, wenn wir beim Denken im Vagen stecken bleiben, und uns in seine pantheistische Idylle lockt – „... alle natürlichen Dinge machen einen verwandten Eindruck, wenn der Geist ihren Einflüssen gegenüber offen ist ...“ –, und kaum trauen wir uns aufzuatmen, weil wir meinen, wir sähen klarer, zieht er uns die Haut ab: „Wir dürsten nach Anerkennung, doch wir können dem, der uns anerkennt, nicht vergeben.“

Solche Sätze lassen uns den Mund offenstehen. Da habe ich ihn gerade als meinen Freund bezeichnet, nicht zuletzt, um ein wenig von seinem Glanz auf mich zu lenken – eben damit ich „Anerkennung“ erfahre, ich geb's zu –, schon stellt er mich bloß, indem er sich dagegen verwahrt, von mir vereinnahmt zu werden. Und mir bleibt nichts anderes, als nach den Fragen zu suchen, die zu seinen Antworten passen.