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Die hohen Berge, das klare Wasser: Die Österreicher und ihr Nationalstolz

Das Gefühlsnetz der Österreicher rund um die schöne Landschaft: Heiligenblut am Fuß des Großglockners, aufgenommen um 1900.
Das Gefühlsnetz der Österreicher rund um die schöne Landschaft: Heiligenblut am Fuß des Großglockners, aufgenommen um 1900.Ullstein Bild / picturedesk.com
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Berge, Seen, Wälder – sie gehören zentral zur Identität Österreichs. Die Bildung eines Nationalbewusstseins ist ohne sie schwer vorstellbar. Eine Mentalitätsgeschichte.

Jede Nation hat ihre Kernmythen, Elias Canetti nennt sie die Massensymbole: Den Engländern weist er das Meer zu, den Niederländern die Deiche, den Schweizern die Berge, den Deutschen ihren Wald, den Franzosen die Revolution. Was ist typisch für Österreich? Worauf sind die Österreicher heute stolz? Die Antwort ist recht eindeutig: die Natur, die Landschaft mit ihren Bergen und Seen. Sie gehört offenbar zentral zur Identität des Landes, das bestätigen alle Umfragen. Man kann davon ausgehen, dass sie auch bei der (nicht immer einfachen) Bildung eines österreichischen Nationsbewusstseins eine Rolle gespielt hat.

Doch schon wird es kompliziert. Die Landschaft bleibt relativ konstant, aber die Wahrnehmungen der Menschen nicht. Der Blick auf die Landschaft, die wir lieben, ist nicht so naturwüchsig wie wir meinen. Den reinen Naturblick überlassen wir den Zoologen und Botanikern. Wir schauen nicht auf ein Stück Baumrinde oder ein Wiesenkraut, sondern wir richten den Blick auf eine vielfältige und gegliederte, von Menschenhand veränderte Umgebung und integrieren sie in das Bild einer „Landschaft“. Es speist sich aus vielen vorgegebenen Bildern, aus Kindheitserinnerungen, aus Erzählungen, der Literatur, der Malerei, aus Filmen, Fotos und der Tourismuswerbung. Der Blick ist kulturgeprägt. Mag sein, dass auch ein Alpenbewohner seine Umgebung liebt, doch seine Perspektive wird sich von der eines Sonntagsausflüglers unterscheiden. Und die wiederum wird wenig gemeinsam haben mit der eines Immobilieninvestors, der ein Grundstück für eine Hotelanlage sucht, der eines Fitness-Junkies, der den Klettersteig benötigt wie eine Droge und der eines Kaffeehausliteraten, dem sich beim Anblick von Natur der Magen umdreht.

Unterschiedlicher können die Wahrnehmungen bei ein und derselben Landschaft gar nicht sein. Den Salzburger Historiker Ernst Hanisch hat es gereizt, diesen Wandel im Lauf der Geschichte zu verfolgen: Wie waren die Erfahrungen der Österreicher mit der Landschaft, die sie umgab, welche Gefühle hat sie in ihnen ausgelöst, wie wurde ihre Mentalität davon geprägt? Hanisch ist keiner, der sein Leben nur in Bibliotheken und Archiven verbracht hat. Er wuchs auf in einer Waldviertler Kleingemeinde, wo man in wenigen Minuten im Wald und freien Feld war, der Drang, viel im Freien zu sein, blieb. Mit seinem jüngsten Buch, einer spannenden Mentalitätsgeschichte über Landschaft und Identität, hat er wissenschaftliche Erkenntnis und persönliche Erfahrung vermischen können.

 

Gletscher, Adria und Karst

Sie ist nicht lang her, die Zeit, in der die Landschaft als ideologisches Konstrukt herhalten musste. Berühmt ist Robert Musils Beschreibung der k.u.k. Monarchie: „Gletscher und Meer, Karst und böhmische Kornfelder gab es dort, Nächte an der Adria, zirpend von Grillenunruhe, und slowakische Dörfer, wo der Rauch aus den Kaminen wie aus aufgestülpten Nasenlöchern stieg.“ Das war der Kern der damaligen Österreich-Ideologie und der Kulturmission des Hauses Habsburg: Die historische Aufgabe, diese Vielfalt an Volksstämmen, Sprachen, Kulturen und Landschaften unter einem Dach zu vereinigen und von der Rückständigkeit zu befreien. Die Berge nahmen bei diesem staatspatriotischen Vorhaben bereits eine große Rolle ein. Sie galten als Hort der Freiheit und reinen Menschlichkeit. Man schloss, etwa in der Völkerschau des sogenannten „Kronprinzenwerks“, von der Landschaft auf den Volkscharakter.

Mit der Nationalisierung des Bildungsbürgertums in napoleonischer Zeit wurde der gemeinsame deutsch-österreichische Nationalcharakter auch aus der Landschaft erklärt. Der Wald war romantischer Sehnsuchtsort, Reservoir des Volkstums (mit Rückgriff auf die Varus-Schlacht) und Ort der Kontemplation. Doch spätestens im Nationalsozialismus hatte der Wald seine Unschuld verloren. Canetti formuliert es so: „Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.“

Auch die Liederbücher von Österreichs Kindern waren voll von Gesängen, in denen die Heimat Wald in Gegensatz gestellt wurde zur bedrohlichen fremden Welt. Doch nie war der Wald nur still und beschaulich. So wie die Bäume einen ständigen Kampf untereinander um Licht und Boden führen, so gab es einen Kampf der Menschen im Wald und um den Wald. Typisch für den weiten Horizont in dem Buch von Ernst Hanisch: Er schlägt im Kapitel „Wald“ einen großen Bogen bis hin zur Fremdenverkehrswerbung, die das Waldviertel erfolgreich als Kultort für Esoteriker, Schamanen und Baumumarmer vermarktet, auch bis zu der kollektiven Panikattacke namens Waldsterben, die Österreich in den 1980er-Jahren befiel. Doch es gibt unsympathischere Strömungen rund um die Waldmystifizierung als diesen ökologischen Patriotismus.

 

Die Landschaft der Kindheit

Es sind neben dem Wald vor allem die Berge, Flüsse, die Industrielandschaften und das pannonische Flachland mit dem Neusiedler See, die Hanisch interessieren. Er interpretiert sie einerseits als „politische Landschaften“, als solche konnten sie habsburgisch-monarchisch, deutsch-österreichisch, deutsch oder allein österreichisch sein. Andererseits sind die Regionen für die Österreicher, vor allem wenn sie dort aufgewachsen sind, mit vielen primären Erfahrungen verknüpft, einem dichten, fast religiös getönten Gefühlsnetz. Man verbindet mit seinen Lieblingsorten, der Landschaft der Kindheit, Erlebnisse des Gehens, des Sehens, des Riechens und Hörens. Man empfindet Zorn, wenn ihre Schönheit „verschandelt“ wird.

1918 blieben vom alten Reich eine ethnisch einheitliche deutsche Bevölkerung und die einheitsstiftenden Alpen. So pries man euphorisch das schöne Reiseland Österreich an. Landschaft und ererbte Hochkultur wurden zu den wichtigsten Ressourcen des österreichischen Tourismus. Dieser goldene österreichische Landschaftsmythos fand in den 1950er-Jahren seinen Höhepunkt. Man beging Urlaub von der Geschichte und feierte die schöne Landschaft im Heimatfilm. Erst als sich das Nationalbewusstsein stabilisiert hatte und eine neue Generation kritischer Intellektueller heranwuchs, änderte sich auch der Landschaftsdiskurs. Heimatkitsch wurde von Heimatkritik abgelöst, man sah auch die ökologischen Schäden, das drang langsam in das allgemeine Bewusstsein ein. In der Fremdenverkehrswerbung blieb die Naturideologie in Reinheit bestehen, aber auch für die Mehrheit der Menschen in Österreich ist die Natur als Ort der Rekreation, der ästhetischen Erfahrung und als Reich individueller Freiheit unentbehrlich geblieben.


Ernst Hanisch
„Landschaft und Identität“
Böhlau Verlag
401 Seiten, 35 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2019)