Interview

"Urban Future"-Gründer Gerald Babel-Sutter über Wien, Oslo und die Stadt der Zukunft

Kein Platz für Bäume? Eine Alternative sind neben Wandbegrünungen auch begrünte Stadtmöbel, im Bild ein mit Moosen bepflanzter Citytree, der wie ein Luftfilter funktioniert.
Kein Platz für Bäume? Eine Alternative sind neben Wandbegrünungen auch begrünte Stadtmöbel, im Bild ein mit Moosen bepflanzter Citytree, der wie ein Luftfilter funktioniert.greencitysolutions

Im Mai findet die fünfte Urban Future Global Conference mit 251 internationalen Speakern und zehntausenden „City-Changers“ statt. Gründer Babel-Sutter über Herausforderungen und Möglichkeiten für die lebenswerte Stadt der Zukunft.

Nebelduschen, Bäume, helle Pflasterung und Wasserstellen: In der Wiener Zieglergasse geht man heuer gegen sommerliche Hitzeinseln vor, ebenso wie in der „Kreta“ im zehnten Bezirk mit neuen Fassadenbegrünungen. Maßnahmen, die für ein Umdenken in der Stadtplanung stehen – nicht nur in Wien. Wie zeitgemäße urbane Raumplanung aussehen kann, wird seit Jahren rund um den Globus diskutiert und ausprobiert. Was gefällt, was funktioniert, und von welchen Städten kann man lernen? Der in Wien geborene und in Graz wohnende Gerald Babel-Sutter über die Trends der „City-Changer“.

 

Die Presse: Wie werden die Städte der Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

Gerald Babel-Sutter: So, wie wir sie heute planen – es ist unsere Entscheidung. Man kann den Status quo fortführen oder Alternativen schaffen. Und das Interesse daran ist sehr groß: Es arbeiten weltweit Zehntausende City Changers daran, dass Städte lebenswerter werden. Viele Menschen haben Ideen, möchten mitgestalten – und tun das.

 

Welche Vorreiter gibt es? Bei welchen Themen?

Die wichtigsten Thematiken sind die Erhöhung der Lebensqualität durch Lärm-, Feinstaub- und Hitzereduktion und Lösungen für extremere Wettersituationen wie Starkregen, etwa Möglichkeiten, die Bodenversiegelung zu minimieren. In Rotterdam wurden im Rahmen eines Programms 1000 Flachdächer massiv begrünt, das hilft nicht nur gegen Hitze, sondern hält auch das Wasser bei Starkregen zurück. In Deutschland werden Pflanzenmöbel aufgestellt, die mit Farnen und Moosen begrünt sind. Das wirkt wie ein Feinstaubfilter und kann auch da eingesetzt werden, wo es keine Möglichkeit für Bäume gibt. Insgesamt ist das Grün direkt in der Stadt wichtig, kleine Inseln ebenso wie große Parks, in denen man sich gern aufhält.

 

Wie sieht es in Sachen Mobilität aus? Wie bewegt man sich am besten durch die Stadt?

Je nach Land und Stadt sind die Bedürfnisse extrem unterschiedlich, in Kairo oder Singapur gibt es ja ganz andere Voraussetzungen als in Wien oder Paris. Eine Möglichkeit ist die (Lkw-)Citymaut in Verbindung mit anderen Konzepten, etwa dem Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Mobilitätssharing ist auch ein wichtiges Thema, seien es Autos, seien es Fahrräder, seien es Roller. All das verändert die Möglichkeiten des Alltags und muss bei der Planung von Straßen und Wegen bedacht werden – wem gebe ich wie viel Raum? Und warum? Aber nicht nur das „Wie bin ich mobil?“, sondern auch das „Wie mobil muss ich sein?“ sind Fragen, die jeden Einzelnen betreffen, aber in der Gesamtheit Stadtplanungssache ist. Der Pendlerverkehr etwa.

 

Wie kann man dem Pendlerproblem begegnen?

Eine Stadt der kurzen Wege, leistbares angenehmes Wohnen in der Stadt, das sind zwei Dinge, die Pendeln verringern. Aber das Thema ist sehr vielfältig. In Oslo zum Beispiel gibt es eine äußerst attraktive Innenstadt mit Verkehrsberuhigung, die Handwerker ziehen hinaus, Pendlerverkehr entsteht. Eine Situation, die nicht einfach zu lösen ist. Am meisten scheinen sich Mixed Spaces für die Zukunft zu eignen – also Flächen, die nicht nur für Wohnen oder Arbeiten oder Freizeit genutzt werden, sondern für alles, „mixed used“ sozusagen. Multifunktionalität macht kurze Wege möglich, birgt große Chancen für kleine Zentren und Gemeinschaft.

 

Wie sieht ein komfortables urbanes Stadthaus der Zukunft aus? Was muss es können?

Die Multifunktionalität nimmt zu, das muss sich in den Grundrissen zeigen: geeignet als Wohnung, Büro oder Praxis, flexibel einteilbar, das macht die Nutzung um vieles einfacher. Vom Material her: mehr Holz und weniger Beton, Balkone und Freiflächen. Sehr wichtig ist aber die Art des Bauens. Vorgefertigte Teile ermöglichen einen schnelleren und günstigeren Bau, die Bauzeit ist kürzer, die Emissionen geringer. In Summe macht es viel aus, ob eine Baustelle sechs Monate dauert oder ein Jahr.

Gerald Babel-Sutter
Gerald Babel-SutterUFGC

Die Aneignung des öffentlichen Raums durch ihre Bewohner ist spürbar. Warum gerade jetzt?

Die bisherige Ausrichtung der öffentlichen Flächen auf das Automobil ist nicht mehr zeitgemäß. Auch die Wohnflächen verändern sich. Sie werden kleiner, Mikrowohnungen sind wieder im Kommen, dafür boomen die Storage-Flächen und Coworking-Flächen. Es stellt sich die Frage, wie viel Platz wir wofür wirklich brauchen. Wenn ich Stauraum, Arbeitsraum, sozialen Raum, Sportraum und so weiter ohne Probleme vor der Haustür habe, brauche ich dafür weniger Platz in der Wohnung. Wenn ich das alles nicht vorfinde, ist die Wohnung zu klein. Viele Menschen möchten den Platz lieber sich selbst als einem Auto zukommen lassen.

 

Wie sieht für Sie persönlich der perfekte Arbeitsplatz aus?

Als Selbstständiger verschmelzen die Grenzen zwischen Arbeiten und Wohnen. Beim Wohnen ist mir das Wichtigste, dass ich mit meinen Liebsten zusammen sein kann. Die Wohnung soll einen guten Rahmen bieten, Sicherheit, genug Licht und Luft. Und die Möglichkeit, mit Rad oder Straßenbahn angebunden zu sein.

Beim Arbeiten ist es ähnlich. Ein gewisser Grundkomfort sollte herrschen, Fenster, die man aufmachen kann. Insgesamt denke ich, dass das Miteinander auch in der Arbeit wichtiger geworden ist, wie es im Coworking sichtbar wird. Es geht nicht nur um Platz, sondern darum, wie man ihn nutzen kann, um zu netzwerken etwa, um neue Ideen auf den Weg zu bringen.

ZUR PERSON

Gerald Babel-Sutter organisiert seit 2014 Europas größte Konferenz für nachhaltige Städte – die Urban Future Global Conference. Sie findet heuer von 22. bis 24. Mai in Oslo statt, erwartet werden 251 Speaker aus 79 Städten und 26 Ländern.
www.urban-future.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2019)