Fragiler Nordirland-Frieden in Gefahr

Lyra McKee ist Opfer eines Konflikts, der sich womöglich neu entzünden könnte.APA/AFP/JESS LOWE PHOTOGRAPHY/JE

Die 29-jährige Journalistin Lyra McKee kam ums Leben, als sie zwischen die Fronten der New IRA und der Polizei geriet. In der Grenzstadt Derry brodelt es. Zwei Verdächtige wurden festgenommen.

Wien/Belfast. Molotowcocktails und Brandbomben zischten durch die Nacht, Polizeiautos gingen in Flammen auf, Schreie hallten in den Straßen des katholischen Viertels Creggan in der Stadt Derry in der Nacht auf Karfreitag, den 21. Jahrestag des Friedensabkommens in Nordirland. Es war journalistische Neugier, die die 29-jährige Lyra McKee vor ihr Haus trieb, Recherchen anstellen und ein Foto via Twitter verschicken ließ mit der Unterzeile „Absolut verrückt“. Kurz darauf traf sie die Kugel eines maskierten Mannes, der auf Polizisten feuerte, und die Journalistin starb auf dem Weg ins Spital.

Lyra McKee ist Opfer eines Konflikts, der sich womöglich neu entzünden könnte. Sie geriet zwischen die Fronten der New IRA, einer Abspaltung der inzwischen aufgelösten katholischen Untergrundarmee, und der Polizei. Nach der Durchsuchung mehrerer mutmaßlicher Verstecke waren Unruhen ausgebrochen.

Am Samstag nahm die Polizei zwei Verdächtige fest, einen 18- und einen 19-Jährigen. Die Ermittler vermuten, dass hinter der Tat eine militante Republikaner-Gruppe namens "New IRA" stecken könnte. Sie hatte sich im März auch zu Paketbomben bekannt, die in London und Glasgow aufgetaucht waren. 

In der zweitgrößten Stadt Nordirlands, die die Katholiken – die Bevölkerungsmehrheit – Derry nennen und die Protestanten Londonderry, hat die Polizei am Donnerstagabend eine Razzia durchgeführt, um ein Waffenarsenal auszuheben und Unruhen am Osterwochenende zu verhindern. Radikale Katholiken hatten für das Wochenende Proteste angekündigt, um des Osteraufstandes 1916 in Dublin zu gedenken, des Fanals für die Trennung Irlands in einen katholischen Süden und einen mehrheitlich protestantischen Nordosten.

Tatort des „Bloody Sunday“

Die Grenzstadt Derry nimmt in dem Konflikt eine zentrale Rolle ein. Hier brachen 1969 Straßenschlachten aus, und hier erschossen Polizisten am sogenannten Bloody Sunday 13 Menschen. Im Jänner verübte die New IRA einen Brandanschlag auf ein Auto vor einem Gericht in Derry.

Einhellig verurteilten Theresa May, die britische Premierministerin, und Leo Varadkar, ihr irischer Kollege, ebenso wie die nordirischen Parteien und die EU-Kommission die „schockierende und sinnlose“ Bluttat, wie May sagte. Lyra McKee galt als journalistisches Talent, gerühmt für ihre investigativen Reportagen, mit mehreren Buchverträgen in der Tasche. Aufmerksamkeit erlangte die 29-Jährige mit dem Blog „Ein Brief an mein 14-jähriges Selbst“ über ihr Outing als lesbische Frau. Die gebürtige Belfasterin war erst vor knapp mehr als einem Jahr nach Derry gezogen, Nordirland beschrieb sie als „schöne Tragödie“.

Es ist möglicherweise ein Vorgeschmack auf jenes Horrorszenario, das den Brexit-Verhandlern vor Augen steht – das Ende des fragilen Friedens und die Wiederkehr des Konflikts. Knackpunkt ist der freie Grenzverkehr an der EU-Grenze zwischen Nordirland und Irland. Am Donnerstagvormittag hatte noch Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, mit einer Kongressdelegation die „Brücke des Friedens“ in Derry besichtigt.