Europa und der Geist von Notre-Dame

Ich verstehe schon, dass Notre-Dame für den Geist Europas steht. Aber mich beschäftigt die Frage: Steht Europa heute für den Geist von Notre-Dame?

Die Narde ist ein Geißblatt, das schon der antike Mittelmeerraum zu enormen Kosten aus dem Himalaya importierte, um daraus Salböl zu fabrizieren. Als, so berichtet der Evangelist Johannes, eine Frau eine Flasche Nardenöl spendete, um Jesus die Füße zu salben, ereiferte sich einer der Apostel und erklärte, man hätte die teure Flasche besser verkaufen sollen und den Erlös den Armen geben. Der Jünger, dem Jesus dann harsch ins Wort fährt, ist übrigens Judas, der Christus kurz darauf ans Messer liefert. Daran dachte ich, als ich las, dass es reichlich Kritik an den Großspendern für Notre-Dame gibt, weil sie für ein Bauwerk statt für soziale Zwecke spenden. Im Licht des Evangeliums dürfte es in Ordnung sein, Geld auch dafür aufzuwenden, Gott zu ehren.

Es wird in diesen Tagen auch viel darüber geschrieben, für welchen Geist Notre-Dame steht und erhalten werden muss. Der französisch-jüdische Philosoph Bernard-Henri Lévy hat sogar eine „Ode an unsere Frau von Europa“ verfasst. Er hofft, dass das „Opfer von Notre-Dame schlummernde Gewissen erweckt“, denn die Kathedrale verkörpere Europa: „mehr als eine politische Union, ist es ein großes Kunstwerk, eine brillante Bastion gemeinsam genutzter Intelligenz, aber auch Heimstätte eines gefährdeten Vermächtnisses.“


Da stimme ich ihm gern zu. Und ich bin durchaus dafür, dieses Vermächtnis zu verteidigen. Ich möchte nur hinzufügen, dass man nicht verraten darf, was man verteidigen möchte. Notre-Dame ist Stein gewordenes Christentum, und Christentum baut auf Ostern auf, auf Kreuz und Auferstehung. Also auf Vergebung statt Vergeltung. Auf die Erlösung von der Verbissenheit, sich um jeden Preis behaupten zu müssen. Auf die nachzuahmende Zuwendung Gottes zu allen Menschen, egal wer sie sind und woher sie kommen, besonders zu Armen und Ausgegrenzten. Das ist die DNA des Christentums und damit die DNA jeder Kathedrale. Und Teil der DNA Europas. Auch wenn es oft grausame, entstellende Mutationen erfahren hat.

Das bedeutet, dass eine Spende für Notre-Dame auch eine Spende für die Sache der Armen ist. Und es bedeutet, dass Verachtung und Niedermachen Europa nicht stärken, sondern konterkarieren. Das erste Gebet in deutscher Sprache ist noch 400 Jahre älter als Notre-Dame. Darin heißt es: „der eino almahtico cot manno miltisto“, der „eine allmächtige Gott, der Mannen mildester“. Ins Christentum, in die Seele Europas, ist ein milder Gott eingeschrieben. Nur ein Abendland, das daraus seine Schlüsse zieht, ist wert und fähig, verteidigt zu werden.

 

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2019)