"Ash is Purest White": Gangster, wie die Zeit vergeht!

Zhao Tao ist Stammschauspielerin und Lebenspartnerin des Regisseurs.
Zhao Tao ist Stammschauspielerin und Lebenspartnerin des Regisseurs.(c) Stadtkino Wien

Wer wissen will, wie sich die Boomjahre Chinas im Leben der Bevölkerung niederschlagen, sollte sich Filme von Jia Zhangke anschauen. Das Gangsterdrama „Ash is Purest White“ hatte in Cannes Premiere – und startet nun in Österreich.

Wenn man heute von den Wucherungen der chinesischen Kontrollgesellschaft liest, von Sozialkredit-Systemen und Designerbabys, dann kann man sich kaum vorstellen, dass das Reich der Mitte auch eine waschechte Gangstertradition vorzuweisen hat. Was für Japan die Yakuza, sind für China die Triaden: Auf strengen Ehrenkodizes fußende Vereine zur Förderung organisierten Verbrechens. Ihre mythenumrankten Machenschaften bieten, wie bei allen Syndikaten dieser Art, formidablen Stoff für Kinofilme – ein besonders schöner startet kommenden Freitag in Österreich.

Kreuzfeuer und Kugelhagel wie in guten alten Hongkong-Krachern sollte man sich jedoch nicht erwarten: Schüsse sind in „Asche ist reines Weiß“ rar. Als einer von ihnen die Nacht zerreißt, hat das umso mehr Gewicht: Abgefeuert von Qiao (Zhao Tao), soll er ihren Geliebten beschützen, den lokalen Bandenführer Bin (Liao Fan) – und markiert das Ende der alten Ordnung.

Bis dahin führte das Paar ein wildromantisches Leben in der kleinen Minenstadt Datong, zwei traumtanzende „Kinder des Jiang Hu“ – so die wörtliche Übersetzung des Originaltitels. Dieser bezieht sich auf die Legendenwelt der „Flüsse und Seen“, in der viele Heldensagen des mittelalterlichen Chinas spielen: ein Hort der Abenteurer und Abtrünnigen. Hier gelten die Regeln der Gesetzlosen, hier schüttet man zur Feier des Tages Schnäpse in eine Schüssel und prostet auf eine glorreiche Zukunft.


Schicksalsschuss. Doch der Wandel der Zeit macht vor niemandem halt. Auf den Fall des Kohlepreises folgt der Machtverlust, junge Widersacher rücken vor, der Schicksalsschuss fällt – und Qiao findet sich wegen illegalen Waffenbesitzes im Gefängnis wieder. Als sie Jahre später entlassen wird, hat sich ihr Umfeld drastisch verändert. Sie treibt nur eine Frage um: Hat Bin auf sie gewartet? Ist er bereit, ihren gemeinsamen Traum weiterzuträumen?

„Asche ist reines Weiß“ erzählt seine Gangster-Lovestory vor dem Hintergrund sozialer und ökonomischer Umbrüche. Sie beginnt 2001 (im Jahr, als China der Welthandelsorganisation beitrat), springt vorwärts nach 2006 und endet 2018 – ohne diese Zeithopser auszuschildern. Wenn man ganz genau schaut, erkennt man sie im Wechsel der Aufnahmeformate: Aus Mini-DV wird 35-mm-Film. Und irgendwann strahlen gestochen scharfe HD-Bilder von der Leinwand.

Diese subtile ästhetische Metapher für den schleichenden Charakter gesellschaftlichen Wandels zeugt von der Kunstfertigkeit des Regisseurs Jia Zhangke, der zu den bedeutendsten Vertretern des chinesischen Gegenwartskinos zählt. Seit den 1990er-Jahren zeigen seine Filme, wie sich die rapide Modernisierung des Landes im Leben der Bevölkerung niederschlägt. Erst nach etlichen internationalen Festivalerfolgen ließ sich Jia, ein Vorreiter des unabhängigen Undergrounds, ins offizielle Filmwesen eingliedern.

Zwar sind alle seine Arbeiten dokumentarisch grundiert. Doch ein trockener Wirklichkeitsspiegler ist der 48-Jährige nicht. Oft frönt er seinem Faible für das Poetisch-Surreale: Mal fliegt ein Ufo durchs Bild, mal sprießen unvermittelt Animationssequenzen. Auch dem Genrekino war er nie abhold. Sein famoses Episodenstück „A Touch of Sin“ (2013) fußte auf wahren Begebenheiten, erinnerte aber an klassische Schwertkampf-Epen.

„Asche ist reines Weiß“ zollt nun den Action-Melodramen der 1980er-Jahre Tribut, der bittersüße Titelsong aus John Woos Kultstreifen „The Killer“ tönt wiederholt vom Soundtrack; Popkultur in all ihren Ausprägungen ist auch bei den Triaden Projektionsfläche für Sehnsüchte und Selbstbilder, die an der Realität scheitern müssen.

Einzig die resolute Qiao erscheint als moralischer Fels in der Brandung. Zhao Tao, Stammschauspielerin und Lebenspartnerin des Regisseurs, ist ein Spektakel für sich – anfangs betört sie mit nonchalanter Coolness und schwarzem Bob, der an Uma Thurman in „Pulp Fiction“ erinnert. Später wirkt sie wie ausgewechselt, spürbar gezeichnet von den Jahren, die sie ihrem Lebensmenschen geopfert hat. Doch im Unterschied zu den Möchtegern-Mackern um sie herum bleibt ihr Wille ungebrochen: Wie ein Monument ihrer Generation prangt Qiaos Gestalt vor dem Hintergrund erhabener, symbolisch aufgeladener Landstriche wie der Drei-Schluchten-Region – einem von vielen Orten, die schon in früheren Filmen Jias eine tragende Rolle spielten („Ash is Purest White“ ist auch eine Art Remix, eine Neuevaluierung seines bisherigen Schaffens).

Noch sieht der Regisseur keinen Grund, Sorgen Sorgen und das Morgen Morgen sein zu lassen. Die Zähigkeit seiner Hauptfigur sträubt sich gegen die neuen, turbokapitalistischen Sitten des Landes, sucht erbittert nach Ausweichmöglichkeiten – und weiß doch, dass die goldenen Jahre unrettbar verloren sind. Obwohl der Film das „Drachensiegel“ bekommen hat (den offiziellen Passierschein der Zensurbehörden) ist er alles andere als versöhnlich, mehr tragisch als wehmütig. Und seine letzte, von ominösem Getrommel begleitete Einstellung sieht man durch eine Überwachungskamera.

Zur Person

Jia Zhangke, 1970 geboren, studierte erst Malerei, schrieb dann einen Roman und wechselte später zum Film. Für „Still Life“ erhielt er 2006 den Goldenen Löwen von Venedig, ein Jahr später bekam er für den Dokumentarfilm „Wuyong“ den Orizzonti-Preis. Er ist Jurypräsident des Locarno-Festivals.