Terror gegen die verletzliche Minderheit der Christen

Terroristen richteten in einer Serie von Attentaten ein Blutbad unter Sri Lankas Christen an.
Terroristen richteten in einer Serie von Attentaten ein Blutbad unter Sri Lankas Christen an.(c) APA/AFP/AAMIR QURESHI

Mit den verheerenden Anschlägen in Sri Lanka versuchen die Attentäter, ausgerechnet zu Ostern Hass zwischen den Konfessionen zu säen.

Es traf ein Land, das in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin bereits sehr gelitten hatte: im Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und den Tamil Tigers, einer Untergrundorganisation der tamilischen Minderheit in Sri Lanka. Der Bürgerkrieg ist seit zehn Jahren vorüber. Doch der Schrecken ist auf die Insel zurückgekehrt. Terroristen richteten in einer Serie von Attentaten ein Blutbad unter Sri Lankas Christen an: Sie ermordeten Menschen, die sich am Ostersonntag zum Gebet versammelt hatten; Menschen, die sterben mussten, nur weil sie Christen waren. Die Terroristen attackierten auch drei Hotels. Eine Bombe nahe des Flughafens konnte rechtzeitig entschärft werden.

Die Regierung Sri Lankas machte am Montag eine kleine islamistische Gruppe namens National Thowheeth Jama'ath (NTJ) für die Anschläge verantwortlich. Die NTJ hatte bisher etwa mit der Zerstörung von buddhistischen Statuen von sich reden gemacht und soll laut Experten in den Jihadismus abgeglitten sein.

So wie die jetzt attackierten Christen zählen auch die Muslime in Sri Lanka zu den religiösen Minderheiten. Die Mehrheit des Inselstaates ist buddhistisch. Grundsätzlich verläuft das Zusammenleben friedlich. Doch Fanatiker versuchen immer wieder, Zwietracht zu schüren. So gingen extremistische Gruppen unter den Buddhisten auf Angehörige der Minderheiten los – vor allem auf Muslime, aber auch auf Christen. Die Organisation Kirche in Not berichtete immer wieder davon, dass buddhistische Mönche zu Übergriffen auf Kirchen angestachelt hätten.

Der jetzige Terrorangriff stellt alles in den Schatten, was Christen zuletzt in Sri Lanka erleiden mussten. Und er ist ein weiterer Schlag gegen ein friedliches Zusammenleben der Konfessionen. Die Attentäter haben sich dabei nicht Symbole der buddhistischen Mehrheit ausgesucht, von der sich Teile der Muslime unterdrückt fühlen. Sie nahmen die verletzliche Minderheit der Christen ins Visier.

Noch liegt über die genauen Hintergründe der Attentate manches im Dunkeln. Einige Experten gehen davon aus, dass eine kleine Gruppe wie die NTJ nicht allein in der Lage sei, derart konzertierte Anschläge zu planen und durchzuführen. Gab es dabei Hilfe von außen? Von einem internationalen Terrornetzwerk? Die Art der Attentate erinnert jedenfalls an Anschläge von Organisationen wie al-Qaida oder dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Sie geschehen parallel mit großer Präzision und sind darauf ausgerichtet, international möglichst große Aufmerksamkeit zu erzielen.

Ein wesentliches Ziel der Attentate von IS und al-Qaida war auch stets, Chaos zu erzeugen und danach klare Fronten für eine große Auseinandersetzung zu schaffen. Abu Musab al-Zarqawi tat das etwa im Irak. Mit seiner jihadistischen Untergrundgruppe, die er später offiziell al-Qaida unterstellte, führte er schwere Attentate gegen Schiiten durch mit dem Ziel, massive Gegengewalt hervorzurufen und so einen Bürgerkrieg zwischen Milizen der schiitischen Mehrheit und der sunnitischen Minderheit zu entfachen. Zarqawi, aus dessen Gruppe nach seinem Tod der IS hervorging, hatte Erfolg. Seine Saat des Hasses trug im Irak blutige Früchte.

Eine ähnliche Terror-Blaupause entwarfen jihadistische Strategen schon vor vielen Jahren für die ganze Welt – vor allem auch für Europa. Der bizarre Plan: Mit besonders brutalen Attentaten soll die Wut auf die muslimischen Minderheiten geschürt und eine harsche Reaktion provoziert werden. Die Muslime in Europa und anderswo würden dadurch schließlich so sehr unter Druck geraten, dass sie sich extremistischen Gruppen und deren Ideologien anschließen. Am Ende – so die verquere Hoffnung der Jihadisten – stünde dann ein großer Krieg: Muslime gegen die anderen.

Welche Gruppen nun auch an dem Terror gegen die Christen beteiligt waren: Auch in Sri Lanka wurde das Gift des Hasses versprüht – ausgerechnet zum Osterfest. Sri Lankas Behörden stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen die Täter rasch zur Verantwortung ziehen und weitere Attentate vereiteln. Zugleich müssen sie verhindern, dass die Saat der Terroristen aufgeht.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2019)