Sri Lanka: 26 Jahre Bürgerkrieg und Gewalt zwischen den Konfessionen

Sicherheitskräfte vor der angegriffenen St.-Antonius-Kirche in Sri Lankas Hauptstadt Colombo.
Sicherheitskräfte vor der angegriffenen St.-Antonius-Kirche in Sri Lankas Hauptstadt Colombo.(c) imago images / ZUMA Press (Tharaka Basnayaka)

Der südasiatische Inselstaat hat eine lange Geschichte der Gewalt. Islamistischen Terror hat es in dem 22-Millionen-Land bisher aber nicht gegeben.

Colombo/Wien. Sri Lanka hat eine lange Geschichte der blutigen Gewalt zwischen ethnischen Gruppen und Religionsgemeinschaften. Nur von islamistischem Terrorismus ist das Land bisher verschont geblieben.

Sollten sich die Behauptungen der Regierung bestätigen, dass die Anschläge jihadistisch begründet waren, wäre das eine neue Entwicklung in dem an Konfliktlinien reichen südasiatischen Inselstaat.

Sri Lanka ist eine multiethnische und multireligiöse Nation. Drei Viertel der rund 22,5 Millionen Einwohner gehören den überwiegend buddhistischen Singhalesen an, die seit Jahrzehnten Politik, Wirtschaft und Militär des Landes dominieren. Die größte Minderheit mit knapp 12 Prozent der Bevölkerung sind die Tamilen im Norden, von denen wiederum die meisten (80 Prozent) Hindus sind. Die anderen 20 Prozent der Tamilen sind Christen und Muslime.

 

Ein Vierteljahrhundert Bürgerkrieg

Über 26 Jahre lang haben sich die Armee der singhalesischen Regierung und separatistische Tamilen-Rebellen einen blutigen Bürgerkrieg geliefert, von dem sich das Land bis heute noch nicht erholt hat. Er brach 1983 aus. Die „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) kämpften darin für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden der Insel. Die LTTE, die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wurde, verübte Hunderte Selbstmordanschläge im ganzen Land und sprengte Züge in die Luft. Für ihren Kampf schreckten die Rebellen auch nicht davor zurück, Kinder mit Zwang zu rekrutieren. Die Armee wiederum bombardierte großflächig die Tamilengebiete im Norden. Geschätzte 100.000 Menschen kamen während des Konflikts ums Leben.

Der Bürgerkrieg endete 2009 mit einem militärischen Sieg der Armee, die den Aufstand in einer Offensive mit aller Härte niederschlug. Auf die tamilische Zivilbevölkerung nahmen die Streitkräfte dabei keine Rücksicht. Der damalige Präsident Mahinda Rajapaksa (2005–2015) wird für diesen Sieg bis heute von vielen nationalistischen Singhalesen verehrt.

Doch das hatte seinen Preis: Die Vereinten Nationen schätzen, dass allein in dieser letzten Kriegsphase bis zu 40.000 Menschen getötet wurden. Die mutmaßlichen Kriegsverbrechen der Armee während des Kriegs sind bis heute nicht aufgearbeitet worden. Ein UN-Bericht im Jahr 2015 sprach allerdings davon, dass wahrscheinlich auch auf Seiten der Tamilenrebellen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden sein könnten. Bis heute fühlen sich die Tamilen ausgegrenzt.

 

Singhalesische Schlägertrupps

Seit dem Ende des Bürgerkriegs sind in Sri Lanka bis zu diesem Osterwochenende keine Terroranschläge mehr verübt worden. Dagegen kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu blutiger Gewalt radikaler Buddhisten gegen Muslime. Militante buddhistische Gruppen sind seit Jahren aktiv.

So zogen singhalesische Schlägertrupps Anfang vergangenen Jahres in der Touristenregion rund um Kandy im Zentrum des Landes gegen Muslime los. Sie zerstörten ihre Geschäfte, verprügelten Händler und griffen Moscheen an. Die Regierung sah sich angesichts der Gewalt schließlich gezwungen, für begrenzte Zeit den Notstand auszurufen. Und Ende 2017 hatten Einheiten von Polizei und Armee in der Küstenstadt Gintota Ausschreitungen radikaler Buddhisten gegen Muslime niedergeschlagen.

Oft reichen Gerüchte ohne realen Hintergrund, um den von extremistischen Buddhisten bewusst geschürten Hass gegen die muslimische Minderheit zu entfachen und in Gewalt umschlagen zu lassen. So entzündeten sich die Unruhen vor einem Jahr an der falschen Behauptung, ein muslimischer Restaurantbesitzer habe Pillen in das Essen von buddhistischen Singhalesen gemischt, die sie unfruchtbar machen sollten. Die angeblichen „Pillen“ erwiesen sich als harmlose kleine Mehlklumpen.

 

Das neue Feindbild

Die Führer der radikalen Buddhisten werfen den Muslimen vor, die buddhistische Kultur zu bedrohen, extremistischen Ideen anzuhängen und Terroristen zu unterstützen. Ein Dorn im Auge ist diesen buddhistischen Extremisten auch, dass die Geburtenrate der Muslime höher ist als die der buddhistischen Mehrheit.

Die muslimische Minderheit als neues Feindbild der singhalesischen Mehrheit? Die Terroranschläge vom Osterwochenende sind Wasser auf die Mühlen all jener radikalen Nationalisten, die diesen Konflikt bewusst schüren und hoffen, davon politisch zu profitieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2019)