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Der Hassprediger, der hinter dem Terror in Sri Lanka steckt

Zahran Hashim soll die Attentatsserie orchestriert haben. Es herrscht Zorn über das Versagen der Regierung.

Wien/Colombo. Auf Laternen und Strommasten sind die Gesichter der Terroropfer vom Ostersonntag plakatiert. Über die Straßen von Colombo und Negombo spannen sich Schnüre, auf denen weiße und schwarze Schleifen als Zeichen der Trauer hängen, während Bulldozer Massengräber ausheben, um große und kleine Särge zu bestatten. Priester in weißen Roben, Nonnen in grauer Ordenstracht und Angehörige, die im Zorn ihre Fäuste ballen, prägen das Straßenbild der beiden Städte im Westen Sri Lankas, die der Terror am schwersten getroffen hat.

Währenddessen verfestigt sich das schemenhafte Bild jenes rund 40-jährigen, bärtigen Mannes, der in Verdacht steht, die Anschlagsserie auf Kirchen und Luxushotels orchestriert zu haben. Auf dem Video, das die Terrormiliz Islamischer Staat veröffentlicht hat, erscheint Zahran Hashim als Einziger unmaskiert, mit einem um den Kopf geschlungenen schwarzen Tuch und einem Gewehr beim Treueschwur auf IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi, den selbst ernannten Kalifen des ausradierten Reichs in Syrien und im Irak. Die anderen halten einen Dolch in der Hand. Ob Zahran Hashim noch am Leben ist oder ob er bei einem der Attentate umgekommen ist, war zunächst ungewiss.

Seine Mitstreiter – acht Männer und eine Frau, die Sonntagfrüh zum tödlichen Werk ausgeschwärmt sind – entstammen der Mittelschicht und wohlhabenden Familien, wie der Kommunikationsminister mitteilte. Inshaf Ibrahim, 33-jähriger Sohn eines betuchten Gewürzhändlers und Wohltäters aus Colombo, hat am Samstagabend im Hotel Shangri-La eingecheckt, wo er sich in der Schlange vor dem Buffet am Ostersonntag in die Luft gejagt hat. Bei der anschließenden Razzia der Polizei in seinem Haus zündete sein jüngerer Bruder Mohamed eine Bombe, die seine Frau und seine drei Kinder in den Tod riss.

Mit Schwert in der Moschee

Die Attentäter waren gut gebildet, haben meist im Ausland studiert: einer in Großbritannien und in Australien. Es ist eine Parallele zu den 9/11-Attentätern aus Saudiarabien und Ägypten, die in Hamburg und in den USA einem Studium nachgegangen sind – und zu Osama bin Laden, dem Terrorpaten und Sohn eines Baumeisters und Multimillionärs.

Die Sicherheitsbehörden in Sri Lanka schenkten Zahran Hashim trotz Warnungen von Muslim-Führern nicht sonderliche Beachtung. Der radikale Prediger wuchs an der Ostküste der Insel auf. In Katthankudy, der von Palmen und wahhabitischen Moscheen und Islamschulen gesäumten Stadt, suchte er vergeblich, seinen Wirkungskreis zu erweitern. Die Gläubigen wandten sich gegen ihn. Er galt als Randfigur mit kaum mehr als 200 Anhängern, pendelte per Schmugglerboot zwischen Indien und Sri Lanka und verlegte sich zunehmend auf Botschaften in den sozialen Medien, auf YouTube und Facebook. Jahrelang war er wie von der Bildfläche verschwunden, bis er 2015 die National Thowheeth Jamaath gründete – jene islamistische Vereinigung, die jetzt im Visier steht.

Zahran Hashim war zuvor mit erratischem Verhalten aufgefallen. Einmal ging er mit einem Schwert auf einen Gläubigen in einer Moschee los, stieß Drohungen aus. Erst als mehrere seiner Schüler buddhistische Statuen schändeten und mit Fäkalien beschmierten, schrillten die Sirenen. Im Jänner entdeckten die Sicherheitskräfte auf einer Kokosnussplantage im Nordwesten ein Waffendepot einer radikalislamischen Gruppe.

Auf dem Radar der Inder

Indiens Geheimdienst, der auf dem Subkontinent allerlei terroristische Aktivitäten überwacht, hatte den Hassprediger länger auf dem Radar. Indien ließ eine Terrorzelle im Süden hochgehen, die angeblich unter seinem Einfluss stand. Und es ließ Sri Lanka detaillierte Hinweise über bevorstehende Anschläge zukommen – zunächst am 4. April, danach eine Woche später und schließlich noch wenige Stunden vor der Attentatsserie. Es gab sogar Daten über Namen, Adressen, Telefonnummern und Aufenthaltsort von Zahran Hashim und Konsorten weiter.

Doch der Alarm verpuffte im seit Monaten schwelenden Machtkampf in Colombo. Präsident Sirisana, zugleich Verteidigungsminister, weihte Premier Wickremesinghe, seinen Erzrivalen, und dessen Regierung nicht in die Anschlagspläne ein. Nun ordnete just Sirisana die Absetzung des Polizeichefs an. Das Versagen schürt den Volkszorn – und den Furor der Christen, allen voran von Kardinal Malcolm Ranjith in Colombo. „Warum hat niemand gehandelt?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2019)