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Amanda Piña: "Ich war nie monokulturell"

Amanda Piña (l.) mit José Luis „Katira” Ramirez und Tulama Ramirez Muñoz.
Amanda Piña (l.) mit José Luis „Katira” Ramirez und Tulama Ramirez Muñoz.(c) Michele Pauty (Michele Pauty)

Für „The Jaguar and the Snake“ hat sich Amanda Piña mit dem Volk der Wixárika beschäftigt: Man solle ihnen „auf Augenhöhe“ begegnen.

Man trifft sich im Nadalokal und ist verwirrt. Kein Lokal an der Adresse in der Reindorfgasse im 15. Bezirk. Hinter der Glasscheibe: ein Schreibtisch, ein Sofa, zwei Menschen in farbenfrohen Gewändern.

Das Nadalokal ist kein Lokal, sondern die kreative Brutstätte, in der sich Choreografin Amanda Piña und Visual Artist Daniel Zimmermann (gemeinsam: Nadaproductions) eingerichtet haben und wo gerade „The Jaguar and the Snake“ geprobt wird, das am Wochenende ins Tanzquartier kommt. Piña empfängt den Besuch mit heißem Tee und einer Tafel dunkler Schokolade. Sie hat schon abgebissen. Man kann ja an der anderen Seite knabbern – wie unter Freunden.

Piñas Mutter ist Chilenin, der Vater Mexikaner. Das hat sie geprägt: „Ich war nie monokulturell. Für mich ist es nicht schwierig, zwischen den Welten zu leben, weil Mexiko ist ziemlich weit weg von Chile – in etwa so weit wie von hier bis Sibirien.“ In Chile hatte sie keine Chance, ihrer künstlerischen Ader zu folgen. „Es gab nicht so viel Kultur, wir hatten ja eine lange Diktatur.“ Sie wollte auch nicht ans Theater. Schon gar nicht ins Ballett. „Ich wollte Kunst, die sich mit neuen Ideen beschäftigt, mit Philosophie.“ Als sie schon 23 war, wollte sie Tanz studieren – und kam an die Salzburg Experimental Academy of Dance (SEAD). „Als ich auf dem Weg nach Salzburg war, hatte ich erst einen Flug nach Wien und war auf dem Naschmarkt. Es war Frühling, und ich habe etwas gespürt: Hier kann ich leben. Keine Ahnung, warum. Und dann bin ich geblieben, wie so viele.“

 

Kein Kunstwerk, eine Kunstwelt

Aber Piña hat nie ihre Wurzeln vergessen. Für „The School of the Jaguar“ hat sie sich mit einem indigenen Volk aus Mexiko, den Wixárika, beschäftigt, dem auch José Luis „Katira“ Ramirez und Tulama Ramirez Muñoz angehören, die in Wien einen Workshop für traditionelle Tänze leiten. „Ich bin eine Künstlerin, die mehr Interesse an der Recherche hat als an der Selbstdarstellung“, sagt Piña. Sie habe so viel Spannendes herausgefunden, dass es schade gewesen wäre, nur eine Performance zu machen. „Ich betrachte diese Arbeit nicht als ein Kunstwerk, sondern als eine Kunstwelt. Es ist ein dreiteiliges Programm bestehend aus Lectures, einem Workshop und dem Stück mit einer Ausstellung innerhalb des Theaters.“ Die farbenfrohe Installation, die den Rahmen bildet, hat ihr Partner Zimmermann gestaltet. „Es ist ein ritueller Ort. Wir wollen die klassischen Theaterstrukturen und Hierarchien aufbrechen“, sagt sie.

Das Stück habe viel mit dem Wissen der Wixárikas zu tun, mit der Verbindung zwischen Mensch, Tieren und Pflanzen. „Sie haben eine nicht anthropozentrische Weltsicht. Für sie sind Tiere und Pflanzen Ahnen. Sie lernen von einem Kaktus, dem Peyote.“ Der Pflanzenneurobiologe Stefano Mancuso etwa sei überzeugt, dass Pflanzen komplexe Wesen sind – er spricht von „kommunikativen Fähigkeiten, Verteidigungsstrategien und sozialen Beziehungen“. Die Wixárikas wüssten das schon lang.

Postapokalyptische Völker

„Diese neuen Formen, andere Lebewesen zu achten, sind wichtig. Wir sehen ja gerade ein Massenaussterben von Tieren, Pflanzen und Kulturen. Es kommt eine schwierige Zeit, weil das Natursystem aus dem Gleichgewicht geraten ist.“ Die westliche Kultur habe sich über die anderen gestellt. Die Kolonialität habe zu einer „Auslöschung von anderen Formen von Wissen“ geführt. „Die Amerindianer sind postapokalyptische Völker. Die haben schon eine Apocalypse erlebt – durch die Kolonialisation. Es war die totale Auslöschung.“ Mit ihrem Projekt will Piña dazu beitragen, „dass wir dieser Kultur auf Augenhöhe begegnen und uns ernsthaft anschauen, wie ihre Denkweisen funktionieren“.

ZUR PERSON

Amanda Piña ist eine mexikanisch-chilenisch-österreichische Choreografin und lebt in Wien. Sie beschäftigt sich v. a. mit der Dekolonialisierung der Kunst. Am 26. 4. erscheint ein Buch zu ihrem Langzeitprojekt: „Endangered Human Movements Vol. 3“ (Eigenverlag).

„The School of the Jaguar“ ist am 26. und 27. 4. im Tanzquartier zu sehen (19.30 Uhr, Halle G); am 27. 4. gibt's „The Jaguar Talks“ (15 Uhr, ebendort).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2019)