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Nürnberg: Überdosis Rostbratwürste

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Nürnberg bietet vor allem kultur- und geschichtsinteressierten Besuchern Sehenswürdigkeiten für mehrere Tage. Obwohl man als Österreicher nicht besonders beliebt ist.

1806 war ein schlechtes Jahr für die Franken. Damals fielen sie nämlich größtenteils an Bayern - ein Umstand, den viele Franken Napoleon noch heute übel nehmen. Ebenso übel stößt vielen (Kultur-)Historisch interessierten Bürgern zumindest in Nürnberg auf, dass die Reichskleinodien bis heute in Wien lagern. Das ist der Schatz der Insignien, der Krönungsgewänder und der Reliquien des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation). Sie wurden bei den Krönungen der deutschen Könige verwendet. Die Habsburger schafften sie einst nach Wien, Hitler holte sie heim nach Nürnberg, von wo sie US-Soldaten wieder nach Wien brachten.

Schatten der Vergangenheit

Auf seine Geschichte ist Nürnberg zurecht aufgeklärt stolz und nutzt sie touristisch auch, zumindest den mittelalterlichen Teil. Von der wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt zur Zeit der Ritter zeugt noch heute der recht gut erhaltene bzw. liebevoll restaurierte Altstadtkern. Neben der Nürnberger Burg, den vielen Fachwerkbauten und der beeindruckenden Stadtmauer seien dem Besucher die Museen empfohlen. Der Klassiker ist das "germanische Nationalmuseum", das Kunst, Waffen und Literatur vieler Jahrhunderte bietet. Die Führung durch das Albrecht Dürer-Haus wird aus der Perspektive der Ehefrau des großen Malers in historischer Kleidung vorgenommen und im Deutsche Bahn-Museum kann neben historischen Loks und Waggons auch einen kleinen Einblick in den Eisenbahneralltag der vergangenen 175 Jahre bewundern. Wer personenbezogene Souvenirs mag, der wird in Nürnberg reichlich fündig: Albrecht Dürer ist allgegenwärtig, sei es auf T-Shirts, Lebkuchendosen, Teesackerln oder Fastfood-Ständen. Nur einen Dürer-Kebap gibt es noch nicht.

Kaiser- und Führerstadt

Adolf Hitler erkor Nürnberg einst als Austragungsort der alljährlichen Reichsparteitage. Der begonnene Prunkbau beheimatet heute das "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände". Das nie fertiggestellte Propagandagelände hätte mit elf Quadratkilometern Fläche etwa drei Mal so groß werden sollen wie die Altstadt. Die dortige Ausstellung thematisiert neben der "normalen" geschichtlichen Aufarbeitung der Opfer auch die Massenverblendung im 3. Reich. Besucher können sich Originalaufnahmen von Reichstagen auf dem vom Nazi-Gigantismus geprägten Gelände ansehen, außerdem wurden Alltagssituationen von damals nachgedreht und bedrückend-informativ inszeniert. Das Hauptgebäude im Stil des römischen Kolloseums wird seit einigen Jahren Stück für Stück restauriert. Obschon es politisch schwierig sei, von den Nazis errichtete Bauwerke wieder herzustellen, wie Astrid Betz vom DR im Gespräch mit der "Presse" berichtet. So sei es etwa unmöglich, die nach dem Krieg gesprengten Säulen mit Reichsadlern und Hakenkreuzen am Zeppelinfeld wieder aufzustellen. Am 19. Mai startet dennoch die Sonderausstellung "Das Gleis - Die Logistik des Rassenwahns" im Dokumentationszentrum. Dort soll relativ nüchtern das ausgeklügelte System der Nazis dargestellt werden, mit dem Millionen von Menschen in Konzentrationslager gebracht wurden.

Blaue Zipfel mit Schäufele

Kulinarisch hat Nürnberg vor allem zwei Spezialitäten zu bieten: Erstens natürlich die berühmten Rostbratwürste, die es dort in verschiedensten Zubereitungsarten gibt. Empfehlenswert sind sie unter dem Namen "Blaue Zipfel". Zweitens das Fränkische Schäufele. Das ist ein Teil der Schweinsschulter, bei dem sich bei richtiger (und sehr zeitaufwändiger) Zubereitung das Fleisch wie von selbst vom Knochen lösen muss. Fragt man zehn Menschen in Nürnberg, wo es das beste Schäufele gibt, so erhält man mindestens sieben Restaurant-Adressen; im "Herrenkeller" in der Altstadt ist es jedenfalls köstlich, wenn auch nicht ganz billig. Grundsätzlich gibt es mittlerweile auch den legendären Nürnberger Lebkuchen das ganze Jahr über zu kaufen; Traditionalisten würden ihn aber außerhalb der Adventzeit nicht genießen.

Man braucht Zeit

Wer Nürnberg außerhalb der Christkindelmarktsaison besuchen will, braucht vor allem Zeit. Um das kulturelle Angebot einigermaßen zu nutzen sind mindestens zwei, besser drei oder vier volle Tage notwendig. Auf der Westbahn gelangt man mit dem ICE in weniger als fünf Stunden von Wien nach Nürnberg (90 Euro ohne Ermäßigung in der II. Klasse), der dortige Hauptbahnhof ist auch zentrale Anlaufstelle des sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetzes. Ein Highlight dort: Die führerlose U-Bahn, in der Gäste ganz vorne stehen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2010)