Mikroplastik ist allgegenwärtig

Mikroplastik
Mikroplastikimago (JOKER)

Nach Funden auf Gletschern ist klar: Mikroplastik ist allgegenwärtig. Weniger klar sind indes die Folgen – noch, denn die Wissenschaft macht Fortschritte.

Es ist keine fünf Jahre her, dass der Begriff „Mikroplastik“ in der Öffentlichkeit auftauchte. Seither wurden diese Bruchstücke von Plastikabfall, Fasern von Funktionstextilien, Bestandteile von Kosmetika oder Reifenabrieb zu einem Megathema – auch in der Forschung. Im Wochentakt erscheinen derzeit Studien mit teils überraschenden, teils alarmierenden Fakten. Für Schlagzeilen sorgten kürzlich italienische Forscher, die auf einem Gletscher große Mengen Mikroplastik nachweisen konnten. Die Vermutung, dass zumindest ein Teil davon durch den Wind verfrachtet wird, wurde wenige Tage später von französischen Forschern bestätigt, die in Nature Geoscience (15. 4.) Ähnliches aus den Pyrenäen berichteten. Damit scheint sicher, dass Plastikpartikel nicht nur von Gewässern in die Meere gespült werden, sondern sich auch an Land weit verbreiten können.

Welche Auswirkungen Mikroplastik auf die Umwelt hat, ist immer noch weitgehend unklar. Viele Folgen treten offenbar nur mittelbar ein: So berichteten italienische Forscher kürzlich beim Jahreskongress der European Geosciences Union EGU in Wien, dass leichte Plastikpartikel, die auf dem Wasser schwimmen, in biochemische Kreisläufe eingreifen: Bei Experimenten zeigte sich, dass die Oberflächen der Kunststoffteilchen rasch von Mikroorganismen besiedelt werden, wodurch die Biomasseproduktion in der obersten Schicht der Meere wächst und sich der Sauerstoffgehalt vermindert. Ein Teil dieses Gemischs aus Plastik und Biomasse sinkt als „Meeresschnee“ ab und wird zu einem – neuartigen – Bestandteil von Sedimenten. Russische Forscher zeigten beim EGU-Kongress, dass die Mikroplastik-Konzentration an der Oberfläche und auf dem Grund der Meere am höchsten ist; in der Wassersäule dazwischen sind die Partikel ebenfalls nachweisbar, aber in geringeren Mengen.

Abhängig von der chemischen Zusammensetzung beeinflusst Plastikmüll auch subtile ökologische Prozesse: Deutsche Forscher fanden heraus, dass Daphnien (Wasserkrebse) bei Anwesenheit von Mikroplastik ihre Fähigkeit einbüßen, sich gegen Fressfeinde zu verteidigen. Offenbar lagern sich Signalmoleküle (Kairomone), die von Insektenfressern gebildet werden, an Plastikpartikel an und können dann von den Daphnien nicht mehr wahrgenommen werden(Scientific Reports, 10. 4.). Angesichts solcher Folgen ist wirklich Feuer am Dach: Es führt kein Weg an drastischen Maßnahmen zur Reduktion von Plastikmüll und anderen Quellen von Mikroplastik vorbei.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2019)