Der europäische Klubfußball erlebt ein Paradox: Profit ohne Pokale

Tausende Fan-Touristen aus aller Welt pilgern zu den Heimspielen des FC Barcelona, um einmal Lionel Messi und Co. spielen zu sehen.
Tausende Fan-Touristen aus aller Welt pilgern zu den Heimspielen des FC Barcelona, um einmal Lionel Messi und Co. spielen zu sehen.Action Images via Reuters
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Klubs steigern ihre Gewinne, obwohl die sportlichen Erfolge ausbleiben. Für den Sport eine nicht ungefährliche Entwicklung.

Die Zeiten, in denen Manchester United Europa das Fürchten lehrte, sind vorbei. Mit dem Gesamtscore von 0:4-Toren verloren die Red Devils das Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Barcelona. Seitdem Sir Alex Ferguson als Teammanager 2013 abgetreten ist, hat der Klub keinen einzigen nationalen oder internationalen Titel mehr geholt. In der Premier League belegt United Platz sechs, den Titelkampf machen Liverpool und Stadtrivale Man City unter sich aus. Für den erfolgsverwöhnten Verein, der in der 27-jährigen Ära Ferguson 38 Titel holte, ist das zu wenig.

Trotz ausbleibender sportlicher Erfolge läuft es finanziell rund für den Verein. Seitdem Ed Woodward 2013 vom Eigentümer, der Glazer-Familie, als neuer CEO installiert wurde, sind die Einnahmen regelrecht explodiert: von 424 Millionen Euro in der Saison 2012/2013 auf 666 Millionen Euro in der Saison 2017/2018. Das belegt ein Bericht der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte, die jedes Jahr ein Ranking der umsatzstärksten Klubs in Europa herausgibt. ManUnited liegt damit hinter Real Madrid und FC Barcelona auf Platz drei.

Zwar sind die Einnahmen aus dem Ticketverkauf leicht zurückgegangen, doch die Umsätze aus TV-Rechten und Marketing (Trikotverkauf, Merchandising) konnten signifikant gesteigert werden. Ein Deal mit dem Ärmelsponsor Kohler bringt dem Klub rund 20 Millionen Pfund pro Jahr. Obwohl Titel auf sich warten lassen, ist die Marke Manchester United stärker denn je. Die Facebook-Seite des Klubs hat 73 Millionen Fans, dem Twitter-Account folgen 18,9 Millionen Nutzer. Weltweit tragen Kinder United-Trikots. Darin zeigt sich das Paradoxon des europäischen Fußballs: Klubs vermelden Rekordgewinne, obwohl die sportliche Bilanz bescheiden ist.

Wirtschaftliches Geschick. In der Vergangenheit war es so, dass sportlicher und finanzieller Erfolg eng miteinander verknüpft waren. Gewann man einen nationalen oder internationalen Titel, erhielt man Prämien und lukrative Sponsorenangebote. Stieg man ab, wandten sich die Fans ab, sprangen Werbepartner ab. Dass Bayern München geschätzte 220 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto hat, liegt nicht zuletzt daran, dass der Klub in den vergangenen Jahren sportlich höchst erfolgreich war – und clever gewirtschaftet hat. In einer Konsumwelt, wo bei den Klubs globale Marken und Milliarden im Spiel sind, gilt der Zusammenhang zwischen sportlichem und finanziellem Erfolg nicht mehr ausnahmslos.

Auch der FC Arsenal erzielt Gewinne, ohne Erfolge einzufahren. In der Saison 2016/2017 gewannen die „Gunners“ den FA-Cup, der letzte Meistertitel liegt 15 Jahre zurück. Arsenal-Investor Stan Kroenke sagte einmal, er habe keine Anteile am Klub gekauft, um Trophäen zu gewinnen. „Wenn du Meisterschaften holen willst, würdest du niemals einsteigen.“ Der amerikanische Sportmogul, dem die Los Angeles Rams in der NFL, die Denver Nuggets in der NBA, die Colorado Avalanche in der NHL sowie die Colorado Rapids in der MLS gehören, ist seit 2018 alleiniger Besitzer von Arsenal London – er übernahm in einem längeren Machtkampf mit dem usbekischen Milliardär Alisher Usmanow dessen Anteile. Es gab schon immer Vorwürfe, der autoritäre Geschäftsmann würde Investitionen in Gebäude solchen in den Kader vorziehen und lieber Profite aus dem Stadion ziehen als Pokale sammeln.

Ein Liebling der Fans war der Mann mit dem Schnauzbart, der sich zuweilen in geschmacklosen Nadelstreifenanzügen mit Ansteckblume auf der Tribüne zeigt, ohnehin nie. Kroenke ist nicht der typische Mäzen wie Roman Abramowitsch oder Dmitri Rybolowlew, der sich einen Fußballklub als Privatvergnügen hält und mit Trophäen protzt, sondern ein Investor, der vor allem die Zahlen im Blick hat.

Der Fußball, der eigentliche Markenkern, wird immer mehr zum Nebenprodukt. Im Fan-Shop des FC Barcelona kann der Kunde auf einer Ladenfläche von 2000 Quadratmetern über 3000 verschiedene Fanartikel erstehen: Neben den obligaten Trikots auch Weine, Schulbücher, Armbanduhren und Malsets. Die Arena Camp Nou ist eine Touristenattraktion: Heimspiele sind ein Event, jeder will Messi und Co. beim Zaubern zusehen. Bei manchen Heimspielen sind unter den Zuschauern 30.000 Ausländer – Fans, Geschäftsreisende, Touristen, Studenten, die sich einmal in ihrem Leben den Traum „Camp Nou“ erfüllen wollen. Der FC Barcelona ist eine Traumfabrik, die eine perfekt durchchoreografierte Show darbietet. Da ist es am Ende fast egal, ob Barca 5:1 gewinnt oder 3:4 verliert. Hauptsache Spektakel. Und solang die Tageseinnahmen stimmen, sind auch die Klubbosse zufrieden.

Die Journalisten Joshua Robinson und Jonathan Clegg beschreiben in ihrem Buch „The Club: How the English Premier League Became the Wildest, Richest, Most Disruptive Force in Sports“, dass die Premier League bis in die späten 1970er-Jahre ein unprofitables Geschäft war und erst mit Sponsorendeals und TV-Vermarktung ein Anlageobjekt für Investoren wurde. Dass sich jedoch der sportliche vom finanziellen Erfolg entkoppelt hat, verweist auf eine weitere Stufe der Kommerzialisierung, in der Fehlanreize geschaffen werden. Ein Ligabetrieb, in dem es für manche Vereine lukrativer ist, einfach mitzuspielen als Titel zu holen, wäre der Anfang vom Ende des Sports.

Zahlen

750,9 Millionen Euro betrug der Umsatz von Real Madrid in der Saison 2017/2018, damit führen die Spanier das Ranking der umsatzstärksten Klubs in Europa an.

Auf Platz zwei liegt der FC Barcelona (690,4 Mio. Euro), auf Rang drei Manchester United (666 Mio. Euro).

Bis zu 30.000 Ausländer, darunter Geschäftsleute, Touristen und Studenten, nehmen bei einem Heimspiel auf den Tribünen des Camp Nou in Barcelona Platz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2019)

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