Wanderer unter der Sonne

Sonnenblumen drehen sich mit der Sonne, weil sie so ein Maximum an Licht einfangen.
Sonnenblumen drehen sich mit der Sonne, weil sie so ein Maximum an Licht einfangen.REUTERS

Was Atlantik, Häkelnadeln und Duftpelargonien miteinander zu tun haben, und warum sich die Sonnenblumen von morgens bis abends von den Sonnenstrahlen streicheln lassen.

Wenn die Nachrichtenlage schlecht ist, wenn jahrhundertealte Dome brennen, Bomben in Kirchen explodieren und andere Unfassbarkeiten passieren, setzt sich Gudrun an ihr Arbeitstischchen. Sie kehrt der Welt da draußen den Rücken, greift zu Häkelnadel und buntem Garn und versinkt in handwerklicher Meditation. Sie häkelt Blumen. Vor ein paar Monaten waren es Weihnachtssterne, grüne Blätter außen, rote innen, sehr treffend gelungen und auf den ersten Blick als Euphorbia pulcherrima zu erkennen. Jetzt gerade sind es Sonnenblumen in vielen Größen, doch immer in denselben Farben. Sonnengelber Blütenkranz außen, dunkles Herz innen. An einer Wand hängt bereits ein kleines Sonnenblumenfeld.

Jeder wisse, sagt sie, dass sich diese Blumen nach dem Licht richten. Sie drehen ihre Köpfchen den Sonnenstrahlen zu und lassen sich von ihnen streicheln. Am frühen Morgen schauen sie vertrauensvoll in Richtung Osten und erwarten die Morgenröte. Zu Mittag recken sie ihre Gesichter der hochstehenden Sonne entgegen, und am Abend blicken sie dem verschwindenden Licht im Westen nach.

Es gäbe eine Geschichte zu diesen Blumen, sagt Gudrun, die sie rühre. Wenn keine Sonne scheint, wenn es finster wird, drehen sie einander ihre Köpfe zu und suchen Trost und Wärme im Anblick der jeweils andern. Deshalb liebe sie die Sonnenblumen, denn so sollte das alles funktionieren in dieser grimmigen Welt. Deshalb finde auch sie Trost in ihnen, und davon kann der Mensch nie genug haben.


Robuste Blume.
Sowohl Sonnenblumen als auch Weihnachtssterne sind Geschöpfe der tropischen und subtropischen Gegenden des amerikanischen Kontinents. Sie erreichten Europa vor Zeiten an Bord portugiesischer und spanischer Flotten. Die robuste Sonnenblume wurde bald in Gärten und auf Feldern heimisch, sie ist heute ein selbstverständlicher Anblick des Frühsommers. Der Weihnachtsstern hingegen ist ein kapriziöseres Tropenpflänzchen. Ihm behagt Kälte gar nicht, und schon ein paar Minuten in kühlem Luftzug schwächen seine Lebenskraft. Deshalb muss man gut auf ihn aufpassen und ihn in ein wärmendes Mäntelchen hüllen, wenn man ihn im Winter aus dem Blumengeschäft nach Hause trägt, und man sollte ihm eingedenk seiner südamerikanischen Herkunft einen warmen Platz gönnen, vor allem einen, an dem es nicht zieht.

Vor mehr als 60 Jahren ist Gudrun eine Schiffstreppe hinaufgestiegen, an Bord eines Ozeandampfers gegangen und über den Atlantik gefahren, allerdings in die andere Richtung, sozusagen Sonnenblumen und Weihnachtssternen entgegen. Eine Reise in den 1950er-Jahren von Hamburg nach Rio de Janeiro. 17 oder 18 war sie damals, und ganz allein, doch voller Zuversicht, denn sie wusste, im Hafen von Rio warte ihr Gegenstück auf sie, die andere Blume, wenn Sie diesen Romantizismus bitte verzeihen wollen.

In der Wohnung wächst zwischen wuchernden Tropenpflanzen jedoch auch noch eine stattliche Duftpelargonie, ein Prachtexemplar der intensiv parfümierten Sorte Pelargonium graveolens. Sie wird auch Rosenpelargonie genannt, blüht wenig spektakulär, duftet jedoch intensiv. Wenn man über die Blätter streicht, riecht es nach Zitrus mit einem Hauch Rosensüße. Die Pflanze war ursprünglich in den nördlichen Provinzen Südafrikas beheimatet. 1672 sammelte der deutsche Arzt und Pflanzensammler Paul Hermann auf einer seiner Reisen die Samen wilder Pelargonium-Arten und vermachte sie der niederländischen Universität Leiden. Sie gediehen und zierten den berühmten, von Carolus Clusius gegründeten Hortus academicus, den Hermann übrigens später bis zu seinem Tod leiten sollte. Gudruns Rosenpelargonie ist einen ähnlich weiten Weg gegangen, denn sie ist wiederum ein Kind jener Pflanze, die in der Hamburger Küche ihrer Mutter stand.


Drehen mit der Sonne.
Irgendwann konnte man zwischen Brasilien und Deutschland schließlich auch hin und her fliegen, irgendwann packte sie einen Zweig davon in ihr Gepäck und nahm ihn und den vertrauten Duft mit in ihre neue Heimat. Seither gedeiht die Hamburger Pelargonie in Rio. Die Sonnenblumen drehen sich übrigens mit der Sonne, weil sie auf diese Weise ein Maximum an Licht und Wärme einfangen können. Doch sie tun das nur als junge Pflanzen. Sobald die Blüten voll entwickelt sind, blicken sie nur noch gen Osten. Die Strahlen der Sonne wärmen die Blüten, und das lockt Bienen und andere Bestäuber an. Die Sonnenblumen müssen nur noch warten.

Lexikon

Sonnenblume. Wer sie heuer blühen sehen will – höchste Zeit, die Samen in die Erde zu stecken. Es ist noch nicht zu spät dafür, und für Balkongärtner gibt es auch kleinwüchsige Sorten.

Weihnachtsstern. Natürlich kann man den alten Weihnachtsstern vom Vorjahr durchbringen und groß werden lassen, denn er ist mehrjährig. Allerdings neigt er dazu, kahl zu werden.

Duftpelargonien. Insbesondere die genannte Sorte Pelargonium graveolens eignet sich gut als Zimmerpflanze und ist sehr langlebig. Wird sie kahl, macht man einfach einen Ableger.