Das Stockholmer Institut Sipri veröffentlicht heute seinen Jahresbericht. Nach Berechnungen der Friedensforscher gab die Welt im Vorjahr 1822 Milliarden Dollar für Rüstungsgüter aus.
Stockholm. Nach dem Kollaps des Eisernen Vorhangs 1989 war die Hoffnung groß, dass die Zeit der Rüstungswettläufe mit dem Ende des Ost-West-Konflikts vorbei sein würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, wie der jüngste Bericht des Friedensforschungsinstituts Sipri belegt, der am heutigen Montag veröffentlicht wird. Nach Berechnungen der Stockholmer Experten wurde im Vorjahr so viel für Waffen ausgegeben wie seit der Spätphase des Kalten Krieges nicht mehr. Demnach sind die weltweiten Ausgaben der Menschheit für militärische Güter 2018 um 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf insgesamt 1822 Milliarden Dollar (1633 Mrd. Euro) angestiegen. Der Sipri-Bericht liegt der „Presse“ vor.
Das letzte Mal wurde ein vergleichbares Ausgabenniveau im Jahr 1988 erreicht. Nach dem Kalten Krieg sanken die Rüstungsausgaben zum weltweit niedrigsten Stand 1998. „Im Jahr 2001 stiegen sie mit den US-Kriegen im Irak und Afghanistan wieder kräftig an, und dieser Aufstieg wurde seither lediglich durch die Finanzkrise 2008 kurz unterbrochen“, fasst Aude Fleurant, Direktorin für das Sipri-Waffenausgabenprogramm, gegenüber der „Presse“ zusammen. Die jährliche Sipri-Erhebung ist dabei bereinigt um störende Faktoren wie die Inflation, was den direkten Vergleich möglich macht.
Laut dem aktuellen Bericht stehen die USA für 36 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben. Die Ausgaben der Vereinigten Staaten stiegen im Vergleich zu 2017 um 4,6 Prozent auf 640 Milliarden Dollar. Allerdings gaben die USA zuletzt um 17 Prozent weniger aus als noch 2009.
China folgt auf Platz zwei mit 14 Prozent der weltweiten Waffenkäufe 2018 und einem Anstieg zum Vorjahr um fünf Prozent auf 250 Milliarden Dollar. Die Volksrepublik, die seit Jahren ihren Anspruch auf die regionale Vorherrschaft in Ostasien untermauert, gibt damit zehnmal mehr Geld für Waffen aus als Anfang der 1990er-Jahre.
Alle anderen Nationen haben deutlich niedrigere Anteile an der globalen Zeche für Waffenkäufe. Das reiche Saudiarabien kommt wieder auf den dritten Platz mit 3,7 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben, seit 2009 hat es seine Waffeneinkäufe um 28 Prozent gesteigert. Das Nahost-Königreich wird dicht gefolgt von Indien und Frankreich.
Russland fällt zurück
Russland fiel 2018 in der globalen Rüstungshitparade von Platz vier auf Platz sechs mit 61,4 Milliarden Dollar zurück. Im Vergleich zu 2009 gab Moskau im vergangenen Jahr 27 Prozent mehr Geld für Waffen aus, hier aber vor allem auch um den teilweise stark veralteten Bestand der Waffensysteme zu modernisieren. Mehrere angrenzende osteuropäische Länder wie Polen und die Ukraine steigerten ihre Waffeneinkäufe 2018, weil sie Russland zunehmend als Bedrohung ansahen.
Deutschland ist mit 49,5 Milliarden Dollar für Waffeneinkäufe 2018 von Platz neun auf Platz acht vorgerückt. Dieser Betrag entsprach im Vorjahr 2,7 Prozent der weltweiten Einkäufe. Seit 2009 sind die deutschen Waffenkäufe damit um neun Prozent gestiegen. Im Vergleich zum Anteil am deutschen BIP sind sie jedoch leicht abfallend mit 1,4 Prozent 2009 und 1,2 Prozent vom BIP 2018.
Rüstungswettlauf in Asien
Länder in Asien haben ihre Waffenkäufe deutlich auf zuletzt insgesamt 507 Milliarden Dollar gesteigert. In Indien nahmen diese 2018 im Vergleich zu 2017 um 3,1 Prozent auf 66,5 Mrd. Dollar zu, in Pakistan belief sich das Plus auf elf Prozent (insgesamt 11,4 Mrd. Dollar). Südkorea, das sich vom atomar aufgerüsteten Nordkorea bedroht fühlt, hat seine Waffeneinkäufe um 5,1 Prozent auf 43,1 Mrd. Dollar gesteigert. „Die Spannungen zwischen Ländern in Asien und zwischen China und den USA sind zentrale Faktoren für den Anstieg in der Region“, analysiert Fleurant. Auch Nato-Mitglied Türkei rüstete im Vorjahr dramatisch auf, die Ausgaben für Militärgüter legten im Jahresvergleich um ein Viertel auf 19 Mrd. Dollar zu.
„Unsere Erhebung sagt aber nicht aus, dass die Welt heute wieder kriegerischer geworden ist“, betont die Sipri-Expertin. „Vielmehr sind die heutigen computergesteuerten Waffensysteme komplexer und dadurch teurer als in der früheren analogen Welt“, so Fleurant. Zudem hätten die USA ein umfassendes Modernisierungsprogramm veralteter Systeme eingeleitet. Viele Nationen wie etwa China, das einen gewissen Prozentsatz seiner Wirtschaftsleistung für Waffen ausgibt, seien heute reicher und hätten dadurch mehr Spielraum, Waffen zu kaufen.
Sipri
Stockholm. Das Friedensforschungsinstitut besteht seit 1966 und wurde damals zum 150. Jahrestag von ununterbrochenem Frieden auf schwedischem Boden gegründet. Seitdem wird es vom schwedischen Parlament finanziert. Neben Zahlen zu den weltweiten Ausgaben für militärische Güter veröffentlicht es auch jährliche Zahlen zum weltweiten Bestand von Atomwaffen und Daten zum internationalen Handel mit konventionellen Waffen, den größten Import- und Exportländern und weitere Einzelstudien zum Thema Krieg und Frieden.