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Kam der sibirische Urmensch aus Tibet?

Altaigebirge.
Altaigebirge.(c) imago/ITAR-TASS (Kirill Kukhmar)

Knochen eines Denisova-Menschen wurden erstmals außerhalb der Höhle entdeckt, nach der der Menschentyp benannt ist. Sie können erklären, warum er so gut an ein Leben im Hochgebirge angepasst war.

Nein, so vertraut wie der Neandertaler ist er uns noch nicht, der Denisova-Mensch, der bis vor 50.000 Jahren in Asien gelebt haben soll. Die Anthropologen kennen ihn auch erst seit 2011, besser gesagt: Sie kennen gerade ein paar Zähne, Fuß- und Handknochen von ihm, allesamt gefunden in der Denisova-Höhle im sibirische Altaigebirge.

Anders als beim Neandertaler haben sich die Anthropologen beim Denisova-Menschen von Beginn an nie festgelegt, ob er eine Art, eine Unterart oder gar nur eine Population bildete; sie haben dazugelernt: Der Neandertaler wurde jahrzehntelang als eigene, vom Homo sapiens zu unterscheidende Art geführt, bis DNA-Analysen ergaben, dass die beiden sich sehr wohl miteinander vermischt haben, wenn auch nur außerhalb von Afrika. (In der DNA heutiger Afrikaner findet sich kein Neandertaler-Erbe.) Vermischt haben sich auch die Neandertaler und die Denisova-Menschen sowie diese und Homo sapiens, all das lesen die Anthropologen aus ihren DNA-Vergleichen. Sie lesen daraus auch, welche für Denisova typischen Genvarianten heute noch im Genpool von Tibetern häufig sind. Darunter sind solche, die das Leben in großer Höhe, bei wenig Sauerstoff erleichtern. Etwa eine Variante eines Gens namens Epas1, die bei Spitzensportlern häufiger ist und – von Forschern, nicht von Journalisten! – bereits als „Superathleten-Gen“ bezeichnet wurde.

 

160.000 Jahre alter Kieferknochen

Diese Interpretation brachte ein Problem: Bisher kennt man als sicheres Wohngebiet von Denisova-Menschen nur die Denisova-Höhle, und diese liegt auf einer Seehöhe von 700 Metern. Dort hat sich wohl keine Selektion auf Genvarianten abgespielt, die im Hochgebirge einen Vorteil bringen.

Umso gelegener kommt nun die Arbeit von Forschern um Jean-Jacques Hublin (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig): Sie haben zwar keine DNA, aber Proteine aus einem bereits 1980 in einer Höhle im Hochland von Tibet, auf 3280 Metern Seehöhe, gefundenen Kieferknochen analysiert und erklären: Er stammt von einem Denisova-Menschen.

Das ist dreifach bemerkenswert. Erstens weil es das erste Stück eines solchen ist, das nicht aus der Denisova-Höhle stammt. Zweitens weil es das bisher älteste Stück eines Menschen im Hochland von Tibet ist, und zwar bei Weitem: Der Kiefer ist mindestens 160.000 Jahre alt, die ältesten bisher dort gefundenen menschlichen Knochen – die natürlich von Homo sapiens stammen – kommen auf höchstens 40.000 Jahre.

Drittens könnte die in Nature (1. 5.) publizierte Analyse gut erklären, warum die Denisova-Menschen an große Höhen angepasst waren: Sie haben sich in solchen entwickelt und sich erst später in tiefer gelegenen Gegenden verbreitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2019)