„The Hole in the Ground“: Und im Wald wartet der Wechselbalg

Sarah (Seána Kerslake) hat das Gefühl, dass sich Chris (James Quinn Markey) verändert hat.
Sarah (Seána Kerslake) hat das Gefühl, dass sich Chris (James Quinn Markey) verändert hat.Savage Productions]
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Kinder, die den Eltern Angst einjagen: „The Hole in the Ground“, ein Beitrag zum Festival Slash einhalb.

„Er ist einfach nicht mehr er selbst!“ So klagt die Mutter dem Arzt. Des Nachts hat sie ihren Sohn durchs Schlüsselloch beobachtet, gesehen, wie er gleich einem wilden Tier durchs Zimmer krabbelt, seltsame Geräusche von sich gibt – und völlig ungeniert Spinnen verspeist. Dabei hatte er immer Scheu vor Insekten! Einbildung – oder grausige Wahrheit? Die Angst, das eigene Kind nicht zu kennen, bildet im irischen Horrorfilm „The Hole in the Ground“ das Grundsubstrat des Schreckens. Jungmutter Sarah (Seána Kerslake) zieht mit dem kleinen Chris (James Quinn Markey) aufs Land, um ihren gewalttätigen Expartner zu vergessen. Anfangs verspricht die Abgeschiedenheit Entspannung. Doch tief im benachbarten Wald klafft eine gigantische Grube mit abgründiger Aura, die Chris magnetisch anzuziehen scheint. Eines Nachts verschwindet er – und taucht kurz darauf wieder auf, als wäre nichts gewesen. Nur seine Mama spürt, dass etwas nicht stimmt . . .

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan bezeichnete die frühkindliche Phase der Ich-Findung als „Spiegelstadium“. Bis die dort anprobierte Identität sitzt, kann allerdings viel Zeit vergehen. Diese temporäre Unstetigkeit (Mit wem haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist das wirklich unser Fleisch und Blut?) vermag Eltern auf die Palme zu treiben. Gleich zu Beginn seines Langfilmdebüts findet Regisseur Lee Cronin ein schönes Bild für dieses Ärgernis: Chris schneidet Grimassen im Spiegelkabinett, sein Antlitz dehnt und verzerrt sich auf groteske Weise. Den Bub bringt das zum Lachen – doch seine Mutter blickt entsetzt. In der Mythologie äußert sich die Nervosität ob des labilen Charakters junger Bengel in der Figur des Wechselbalgs. Auch im Horrorkino hat sie Tradition. Wohl am bekanntesten: Richard Donners „Das Omen“ (1976). Das Adoptivkind eines Diplomatenpärchens erweist sich darin als Antichrist in spe. Schon 1956 sorgte sich eine Hausfrau in Mervyn LeRoys „Böse Saat“ (1956), ob ihr herziges Töchterchen eine kaltblütige Killerin sein könnte. Psychologisch breitgetreten wird das Motiv im Tilda-Swinton-Drama „We Need to Talk about Kevin“(2011). Und der kommende Fantasy-Streifen „Bright Burn“ verwebt es mit Konventionen des Superheldengenres.

Sonderbare Gestalten im Filmcasino

„The Hole in the Ground“ fügt sich nahtlos in diesen Kinderspuk-Kanon. Zwar ist er zu sehr Klischeekompendium, um hervorzustechen, aber im zeitgenössischen Konzepthorrorkontext macht ihn seine klassische Konstruktion sympathisch. Am Freitag startet er in Österreich und ist auch im Rahmen des Festivals Slash einhalb zu sehen, einer Appetithäppchenveranstaltung zum Slash-Filmfestival. Vom 3. bis 5. Mai wirft sie Verstörend-Betörendes auf die Leinwand des Wiener Filmcasinos. Etwa das tolle schwedische Albtraumstück „Koko-di Koko-da“, in dem ein Paar auf Campingausflug von sonderbaren Gestalten belagert wird. Oder den gemessenen Thriller „Sons of Denmark“, der die heißen Eisen Islamismus und Rechtspopulismus mit erstaunlichem Bedacht anpackt. Mel Gibson gibt in „Dragged Across Concrete“ einen desillusionierten Cop, und Zombiefans erwartet ein Wiedersehen mit dem Klassiker „Dawn of the Dead“ – in Anwesenheit des Schauspielers Richard France.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2019)

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