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Elton John in der Wiener Stadthalle: Ein elementares Ade

KONZERT: ELTON JOHN
KONZERT: ELTON JOHN(c) APA (HANS PUNZ)
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Der Sänger begeisterte in Wien sein treues Publikum am ersten seiner zwei Abschiedskonzerte. Sehr persönlich und mit unvergesslich markanten Momenten.

"Mit Elton John hat England einen neuen wichtigen Songinterpreten von der Klasse eines Donovan, Dylan, Tim Buckley oder Van Morrison. Auf dem kleinen britischen Label DJM dürfte es diese LP (und damit auch Elton John) schwer haben, in Deutschland bekannt zu werden. Fragen Sie Ihren Importeur nach dieser Platte“, schrieb Rainer Blome 1970 über das Album „Elton John“ im aufstrebenden Musikmagazin Sounds. Bezüglich der musikalischen Güte war seine Einschätzung zu optimistisch, seine Massentauglichkeit betreffend deutlich zu pessimistisch. Immerhin haben es zwei Songs dieses dritten Albums von Elton Johnin die Setlist seiner um die Welt ziehenden Abschiedsshow geschafft.

Die erste seiner beiden hiesigen Performances begann beinah so pünktlich wie ein Raketenstart. Um 19.33 Uhr saß der empirehafte Kitschmeister in einem doch recht eng sitzenden Frack am Flügel. Milde Farben ergossen sich am übergroßen, ins Bühnenbild integrierten Bildschirm. Viel gelb, ein wenig braun, ganz so wie es das Cover von „Goodbye Yellow Brick Road“, der wohl besten Elton-John-Platte aller Zeiten, vorgab. Als Opener wählte der 72-jährige mit dem unzerstörbaren Drang zur Schrillheit das treibende „Bennie And The Jets“ von eben diesem Klassiker-Album.

APA/HANS PUNZ

Drummer mit weißen Handschuhen

„We'll kill the fatted calf tonight, so stick around, you´re gonna hear electric music, solid walls of sound“, sang Elton John mit kräftiger Stimme. Diese einstige Satire auf das Musikgeschäft der Siebzigerjahre passt gerade heute immer noch, wo sich die Industrie mit ihrer Begeisterung fürs Streaming den Ast absägt, auf dem sie sitzt.

Ein Perkussionist und zwei Schlagzeuger sorgten gleich zu Beginn für kraftvollen Sound. Einer der Drummer, der 70-jährige Nigel Olsson, ist seit den Anfängen von Elton Johns Karriere an dessen Seite. Der einstige Langzotterte ist mittlerweile von recht soigniertem Aussehen. Er trug weiße Handschuhe, wie man sie auch in Bibliotheken überzieht, wenn es alte Folianten abzufingern gilt. Eine berechtigte Arbeitskleidung, war doch das zu spielende Werk in Teilen auch schon über fünfzig Jahre alt.

Elton John mit riesiger 3-D-Brille

Elton John selbst hat sich über die Jahre nicht so stark wie Olsson verändert. Sein Glitzerfaktor hat sich ein paar Mal verschoben. Derzeit ist er wieder ziemlich hoch. Seine Sehbehelfe sind nach einer Phase der Dezentheit wieder richtig grell geworden. Diesmal trug er seine Spekuliereisen, wie der Wiener gerne sagt, in Form überdimensionierter 3-D-Brillen. Und am schwarzen Frack mit schwarzem Blumenmuster pickten reichlich rosafarbene, florale Applikationen.

Zunächst war die rasant spielende Kombo noch weit entfernt vom fühligen Balladensamt. „All The Girls Look Like Alice“ rumpelte so richtig gut ans Ohr. Und bei „I Guess That´s Why They Call It The Blues“ reizte Elton John die Bestie Publikum mit häufigem Aufstehen zu mehr klatschender Teilnahme. Gegen Ende bekam es dann sogar ein kleines Lob von ihm: „You did well“, quetschte er heraus.

Die Lieblingssongs des Sängers

Davor galt es aber noch 140 Minuten mit einem Potpourri an Hits und persönlichen Lieblingssongs zuzustellen. Mit „Border Song“, einem der Songs vom 1970er Album „Elton John“, war dann auch gleich ein Highlight an der Reihe. Auf die Netzhaut peitschten Bilder aus den Sixties. Nina Simone, Little Richard und Aretha Franklin, die damals den recht gospeligen „Border Song“ gecovert hat, was Elton John und seinen Texter Bernie Taupin unendlich stolz gemacht hat. Zurecht!

Mit viel Gusto arbeitete man sich durchs große Repertoire. Anders als etwa die Rolling Stones, die seit Jahren mit einem recht unoriginellen Greatest-Hits-Programm die Stadien dieser Welt heimsuchen, leistete sich Elton John etwa mit dem recht unbekannten „Indian Sunset“ einen Rückgriff auf ein persönliches Lieblingslied. Solche sentimentale Blicke zurück auf die Zeit des eigenen Aufbruchs zählten zu den Highlights des Abends.

APA/HANS PUNZ

Mit „Take Me To The Pilot“ und „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ folgten zwei lodernd intensive Lieder. Das bekenntnishafte „Someone Saved My Life Tonight“ von Elton Johns Lieblingsalbum „Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy“ erzählte dann von den kreativen Kämpfen in den Siebzigerjahren. Die Strophen schlossen mit einem „Thank God my music´s still alive“.

Tränen und nachdenkliches Winken

Und es war tatsächlich die Musik, die ihn am Ende aus dem Drogensumpf und der jahrelangen Verdrängung seiner Homosexualität rettete. 1999, erzählte er dem Publikum, habe er sich endlich aufraffen können, die drei Worte „I need help“ zu sagen. Elton John bewegte sich weg von den Drogen, weg von der Egozentrik hin zum Altruismus – der etwa auch die Arbeit der Elton-John-AIDS-Foundation befeuert. Mit „Don't Let The Sun Go Down On Me“, das er einst mit dem durch die Folgen von Drogenmissbrauch umgekommenen Kollegen George Michael aufgenommen hat, rührte er einmal mehr zu Tränen.

Im Finale wurde es sehr lebhaft. „Crocodile Rock“ belebte das innere Kind vieler Besucher, „I´m Still Standing“ den Widerstandsgeist. Als Zugabe zelebrierte Elton John das stille „Your Song“ sowie das prächtige „Goodbye Yellow Brick Road“. Dann entschwand er mit elementarer Geste, einem nachdenklichen Winken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2019)

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