In unserer Schmuddelecke

(c) Carolina Frank
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Ich sitze auf einer Parkbank im ­Wiener Augarten und schreibe in Gedanken einen Kummerbrief.

Ich sitze auf einer Parkbank im ­Wiener Augarten und schreibe in Gedanken einen Kummerbrief. „Liebe Bundesgärten", würde ich schreiben, „wir kennen uns nicht persönlich. Aber ich bin schon seit Langem einer eurer größten Fans! Mein Lieblingsplatz ist die Allee vor dem nördlichen Flakturm. Ihr werdet sagen: Das ist ja eine Ecke, die nur von einer Parkbesucherminderheit frequentiert wird. Von Menschen, die aus verschiedenen Gründen die Einsamkeit suchen. Weil sie zum Beispiel in Ruhe schmusen oder kiffen wollen. Oder ein Buch lesen oder in die Luft schauen oder meinetwegen Selbstgespräche führen. Vielleicht manchmal auch laut vor sich hinschimpfen. Und während sich der übrige Augarten mit der Zeit gefüllt hat wie eine Abflughalle am ersten Ferientag, war in unserer Schmuddelecke immer noch ein Bänklein für uns frei. Aber damit wird jetzt leider bald Schluss sein. Denn von den früheren vielleicht 15 Parkbänken stehen nur mehr die Papierkörbe. Jedes Jahr ist eine Bank verschwunden. Wohin, weiß man nicht. Manche ­finden sich später irgendwo im Niemandsland zwischen den Rokokowegen – fortgetragen von Besuchern, die aus nur ihnen bekannten Gründen noch mehr Abgeschiedenheit brauchen. Andere haben sich einfach in Luft aufgelöst. Inzwischen sind nur mehr drei Bänke übrig. Ihr könnt euch vorstellen, dass wir schmusenden Paare, kiffenden Youngsters, Romanleserinnen, In-die-Luft-Schauerinnen und Vor-sich-hin-Schimpferinnen uns täglich darum prügeln. Ich sage mir immer: Wenn die Bundesgärten das wüssten! Bestimmt würden sie ein paar neue Bänke spendieren! Oder scheitert es vielleicht am Geld? Ich würde sofort eine Spendenaktion in die Wege leiten. Schickt mir einfach die Spendenkontonummer!


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