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Nachlass: Kunstgeschichte schreiben

Maria Lassnig. Kunst­manager Peter Pakesch ist Vorsitzender der von der Künstlerin selbst noch zu Lebzeiten initiierten und konzipierten Stiftung.
Maria Lassnig. Kunst­manager Peter Pakesch ist Vorsitzender der von der Künstlerin selbst noch zu Lebzeiten initiierten und konzipierten Stiftung.(c) Michele Pauty

Die Qualität der Verwaltung eines Nachlasses ist mitentschiedend für die Sichtbarkeit eines Lebenswerks.

Mitnahme auf Messen. Ausstellungsorganisation. Synergien abschöpfen. „Die Arbeit für Birgit Jürgenssen funktioniert genauso wie für einen lebenden Künstler", sagt Natascha Burger. Die Kunsthistorikerin, die seit 2009 das an die Wiener Galerie Winter angeschlossene Archiv der Künstlerin betreut, benennt damit eine feine Nuance: Birgit Jürgenssens Lebenswerk ist abgeschlossen. Die Künstlerin und Lehrende an der Akademie der bildenden Künste erlag 2003 im Alter von nur 54 Jahren einem Krebsleiden. Zum internationalen Höhenflug setzte ihr Werk erst posthum an; eine 2009 von der Sammlung Verbund ausgerichtete umfangreiche Personale sollte die Initialzündung sein. Die Arbeit des Estate Birgit Jürgenssen hat einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet. „Ein Archiv ist nur gut, wenn man es zeigt", so Burger. So wird denn auch jedes Ausstellungsjahr der Galerie mit einer Birgit-Jürgenssen-Ausstellung eröffnet, in der jeweils ein anderer Aspekt ihres Werks vorgestellt wird. Anlässlich ihres 70. Geburtstags tourt aktuell die Retrospektive „Ich bin" durch Ausstellungshallen in Deutschland, Italien und Dänemark.

Indem das Erbe der Künstlerin von ihrem Lebensgefährten und Galeristen Hubert Winter verwaltet wird, ist Birgit Jürgenssens Nachlass buchstäblich Familiensache. Die Einbindung in den Galeriealltag ist für die Positionierung des Werks essenziell. „Birgit Jürgenssen ist aber nicht die Cashcow der Galerie", sagt Burger. „Die Galerie ist vielmehr wichtig als Sprungbrett für Messen, aus denen heraus sich wichtige Kooperationen – etwa mit New Yorker Galerien wie Barbara Gladson und Fergus McCaffrey oder Alison Jacques, London – ergeben haben." Selektive Verkäufe von Werken aus dem Nachlass re­­finanzieren die Arbeit des Archivs.

Vernissage
Vernissage(c) Rudi Froese (RUDI FROESE)

Beispielhaft. Wiens wohl prominentester zeitgenössischer Nachlass derzeit ist der von Maria Lassnig – sieht man einmal ab von jenem Franz Wests, der vor allem durch Streitigkeiten zwischen den Erben und Stiftung in die Schlagzeilen geraten ist. Seit der 2014 verstorbenen Malerin Anerkennung und internationaler Erfolg erst spät ab den 1990er-Jahren zuteil wurden, schraubt sich die Erfolgsspirale immer weiter nach oben. Maßgeblichen Anteil hat daran eine Stiftung, die von der Künstlerin noch zu Lebzeiten konzipiert und mit ihrem Ableben wirksam wurde. Den prominenten Vorstand des Expertenrates bestimmte Lassnig selbst: Seine Aufgabe ist neben der Betreuung und wissenschaftlichen Erfassung von Œuvre und Leben auch die Platzierung, Auswahl und Verfügbarmachung von teils noch unbekannten Werken vor allem für Museumsausstellungen. „In Zeiten immer geringer werdender Budgets sind wir eine wichtige Anlaufstelle", sagt Vorstandsvorsitzender Peter Pakesch. Dazu gehört auch die umfangreiche Bibliothek der belesenen Künstlerin.

2019 hätte Maria Lassnig ihren 100. Geburtstag gefeiert. „Mit dem Hunderter ist dieses Jahr ein besonderes Jahr für uns", sagt Pakesch. Neben der One-Woman-Show „Ways of Being" – einer Kooperation des Stedelijk Museum Amsterdam mit der Wiener Albertina – gibt es auch eine Reihe von Gegenüberstellungen. Das Lentos etwa beleuchtet aktuell mit „Lassnig – Rainer" das Frühwerk der beiden einstigen Weggefährten. Das Bozener Museion und der Kunstverein München lassen Bilder von Maria Lassnig und Martin Kippenberger zum „Bodycheck" aufeinandertreffen. Ein Fixpunkt der Stiftungsarbeit ist die Verleihung des mit 50.000 Euro dotierten biennalen Maria-Lassnig-Preises an Künstlerinnen und Künstler in der Mitte ihrer Karriere, in diesem Jahr ergeht er an die indische Künstlerin Sheela Gowda.

Günter Brus. Der als Aktionist berühmt gewordene Künstler hat dem Grazer Universalmuseum Joanneum seinen literarischen Vorlass überlassen.
Günter Brus. Der als Aktionist berühmt gewordene Künstler hat dem Grazer Universalmuseum Joanneum seinen literarischen Vorlass überlassen.(c) Universalmuseum Joanneum/N.Lackner

Eine relativ neue Form der Vorsorge für das Lebenswerk sind Vorlässe, die von Künstlern zu Lebzeiten an eine Institution ihres Vertrauens übergeben und oft entsprechend situiert werden. Günter Brus literarischer Vorlass etwa bereichert seit 2009 die Sammlung des Bruseums am Grazer Universalmuseum Joanneum. Für das vorgelassene Archiv von Valie Export errichtete ihre Geburtsstadt Linz in der Tabakfabrik ein eigenes Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst. Und die fast gleichzeitige Schenkung von Peter Weibels Archiv an die Universität für angewandte Kunst 2017 war Anstoß für die Gründung des „Peter-Weibel-Forschungsinstituts für digitale Medienkulturen".

Zerfahrene Situation. „Ein Vor- oder Nachlass ist nur so gut, wie er in einer Hand ist", sagt Hubert Klocker. „Er kann aber auch katastrophal enden." Der Wiener Kunsthistoriker weiß, wovon er spricht. Seit acht Jahren ist er Direktor der Sammlung Friedrichshof, der größten privaten Sammlung von Arbeiten des Wiener Aktionismus in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren, die von der „Aktions-analytischen Kommune" Otto Mühls zusammengetragen und nach der Auflösung der Kommune 1991 in die Friedrichshof Genossenschaft eingebracht wurde. Ein Teil dieser Sammlung umfasst auch wichtige Arbeiten Otto Mühls. Dem gegenüber stehen die „Archives Otto Muehl", die die Sammlung von Mühls eigener nach der Entlassung aus der Haft gegründeter Stiftung vertreten.

Als ausgewiesener Wiener-Aktionismus-Experte und langjähriger Beobachter genießt Hubert Klocker das Vertrauen der unterschiedlichen Parteien. Erstmals in Aktion trat er im Zuge der Auflösung der Kommune, als er gebeten wurde, sich um die Sammlung Friedrichshof zu kümmern. Die Sammlung war mit dem Ziel aufgebaut worden, eine engagierte, die Künstler stützende Position im Kontext der internationalen Kunstszene aufzubauen, nun drohte sie zu zerfallen. „Das Ganze war ja wie eine Scheidung zwischen 300 Leuten", sagt er. „Otto Mühl selbst hatte sich für den Zeitraum bis 1991 praktisch durch die Regeln der Kommune enteignet. Mir war daher immer klar, dass hier wie mit einer Art indirektem Nachlass umgegangen werden muss."

Otto Mühl. Am seinerzeit von ihm gegründeten Friedrichshof spannt eine Personale nun einen Bogen durchs Werk des 2013 verstorbenen Kommunarden.
Otto Mühl. Am seinerzeit von ihm gegründeten Friedrichshof spannt eine Personale nun einen Bogen durchs Werk des 2013 verstorbenen Kommunarden.(c) Sammlung Friedrichshof

Späte Bündelung. In einem Spagat zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und kunsthistorischem Feingespür standen die 1990er-Jahre im Zeichen der Stabilisierung. Wie ein Mantra begleiteten Hubert Klocker dabei Sätze, die der renommierte Schweizer Museumsmann und Ausstellungsmacher Harald Szeemann bei einem Abendessen hatte fallen lassen: „Nicht abverkaufen! Pass auf die Sammlung auf!" Durch die Platzierung von Sammlungsteilen etwa im Getty Museum sowie 2002 im Wiener Mumok wurde einerseits die Musealisierung vorangetrieben, andererseits konnte die Genossenschaft mehrfach vor dem Konkurs gerettet werden.

Doch erst vor wenigen Wochen gelang es, die verstreuten im Nachlass verbliebenen Teile zum „Estate Otto Muehl" zu bündeln. „Nachlässe", sagt Klocker, „sind im besten Fall nicht kompliziert, in diesem Fall aber schon." Die Mühl’sche Biografie, die Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs, Verstoß gegen das Suchtmittelgesetz und Zeugenbeeinflussung trug ein Übriges dazu bei. Doch für Hubert Klocker, der seine Rolle als „Verwalter, Berater und Kurator für alles, was Otto Mühl und seine Kunst betrifft", beschreibt, zählt die künstlerische Qualität.

Neben der Aufarbeitung und Verwertung des Werks, der Zusammenarbeit mit den Museen und Galerien ist die Erstellung eines Catalogue raisonné ein Ziel. Die erste große Maßnahme aber ist eine längst fällige Personale in der Sammlung Friedrichshof. Ein Bogen durch alle Schaffensphasen – vom Wiener Aktionismus über die Kommune 1974–1990 bis zu den Bildern aus dem Gefängnis und dem klassischen Spätwerk – soll die komplizierte Vielfalt von Mühls Werk aufzeigen.

Tipp

„Ways of Being". Die große Personale anlässlich Maria Lassnigs 100. Geburtstag kommt nach der Amsterdamer Premiere an die Wiener Albertina (ab 6.  9.). „Otto Mühl. Werke 1955–2013" ist ab dem 7.  5. am Friedrichshof in Zurndorf zu sehen.