Mangelberufe

„Bitte, was heißt Mint eigentlich?“

Molekularbiologinnen Antonia Hauth, Astrid Hagelkruys und Nina Corsini, v.l.n.r.(c) Mag. Sandra Schartel

Viel wird getan, um Mädchen in die naturwissenschaftlichen Berufe zu locken. Dabei wäre es gar nicht so schwer. Gedanken nach dem Girls' Day.

Die Frage kommt aus der ersten Reihe: „Bitte, was heißt Mint eigentlich?“, fragt eine 16-Jährige. Der Angesprochene, Bildungsminister Heinz Faßmann, versteht sofort: Er darf nicht so viel voraussetzen. Mint, erklärt er freundlich, stehe für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Auf Englisch „Stem“, also Science, Technology, Engineering und Mathematics.

Die Szene ist symptomatisch. Politik und Wirtschaft machen aufwendige Berufsorientierungsprogramme wie eben diesen Girls' Day, um Mädchen zur Naturwissenschaft zu bringen. Diese aber – hier Schülerinnen, die das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften besuchten – haben selbst von den Basics noch nie gehört.

Auftritt Astrid Hagelkruys, Senior Research Associate am IMBA. Seit ihr Chef, der prominente Molekularbiologe Josef Penninger, nach Vancouver berufen wurde, managt sie sein Labor. Sie spricht über das menschliche Genom, die Gesamtheit der genetischen Informationen, und vergleicht es mit einem Buch: Die Kapitel sind die Chromosomen, die Geschichten die Gene, die Wörter die Codons und die Buchstaben die Basen, alles schön mit Bildern illustriert. So verstehen es die Mädchen.

Dutzende Vorträge, Zwischenfragen und Interviews später kristallisieren sich einige Gedanken heraus. Wie könnte man Mädchen für Mint-Berufe begeistern?

Lehrer, lehrt so, dass sie euch verstehen. Sicher haben die Mädchen schon in der Schule vom Genom gehört. Trotzdem wusste kein einziges, was das ist. Jetzt aber, nach netten Metaphern und ein wenig Storytelling, haben sie es verstanden. Sicher, Biologie, Mathe, Physik und Chemie sind komplizierte Materien. Aber kann man sie nicht verständlich unterrichten?

Lasst nicht für die Prüfung lernen. Der „Wert“ jedes Schülers wird an seinen Noten gemessen. Also lernt er exakt den Prüfungsstoff, keinen Strich mehr. Was wäre, wenn man ihn erst für das Thema interessiert, dann für die Zusammenhänge und vor allem für den Nutzen, den ihm das Wissen bringt?

Eltern, lasst eure Töchter entdecken. Sie sei ein neugieriges Kind gewesen, erzählt die junge Biochemikerin und dreifache Mutter Nina Corsini. Immer steckte sie die Nase in Abenteuerbücher, las alle Entdeckergeschichten. Jetzt entdecke sie selbst, am Mikroskop und sich dabei als erster Mensch fühlend, der das eben Erforschte versteht. Stimmt schon, neugierige Kinder sind anstrengend. Die Wissenschaft wird es jenen Eltern danken, die sie nicht ruhigstellen.

Mädels, seid nicht so perfektionistisch. Junge Männer finden sich meist toll. Das rät IMBA-Master-Absolventin Antonia Hauth auch jungen Mädchen: „Auf ihre Fähigkeiten vertrauen und selbstbewusst auftreten.“ Deren Bescheidenheit habe mit Unsicherheit und Perfektionismus zu tun. Wie man das ändert: das Selbstbewusstsein der Mädchen stärken und sie bekräftigen, nicht nur zigfach Gegengechecktes von sich zu geben.

Medien, zeigt weibliche Vorbilder. Sie sei „Akte X“-Fan gewesen, erzählt Hagelkruys. Dort war ausnahmsweise eine Frau die coole Forscherin. Mädchen spricht es an, wenn ihnen solche Heldinnen die Welt (oder die Aliens) erklären.

Frauen, seid nicht eure eigenen Feinde. Rabenmutter versus Glucke: Die Karrierefrau schaut auf die Nurhausfrau herab, diese rächt sich mit einem perfekten Kuchen, neben dem der eilig im Supermarkt gekaufte der Berufstätigen jämmerlich aussieht. In Wahrheit sind beide verunsichert, weil sie meinen, den jeweils anderen Bereich des Lebens zu vernachlässigen. Würden sie einander den Rücken stärken, hätten sie es beide leichter. Und das gilt nicht nur für Mint-Berufe.[PEVDP]